Sebastian Haffner war einer der großen deutschen Journalisten des 20. Jahrhunderts (Uwe Soukup FAS 20.1.2013). Bekannt wurde er vor allem als Kolumnist des „Sterns“ und als Quasi-Dauergast in Werner Höfers „Internationalem Frühschoppen“ (bis 1987). Das nicht ohne Grund. Denn Haffner gehörte zu den scharfsichtigsten politischen Analytikern der deutschen Geschichte. Und er hat selbst Geschichte geschrieben. Mit „Die verratene Revolution. Deutschland 1918/19.“ (1969), „Anmerkungen zu Hitler“ (1978) und „Preußen ohne Legende“ (1980). Haffner wandte sich darin gegen die zur Propaganda geeigneten „Zwecklegenden“. Für Haffner schafft erst Geschichtsschreibung Geschichte. Damit macht er uns auf den Konstruktions-Charakter von Geschichte aufmerksam, eine moderne Position, die in der Historiographie wohl noch nicht überall angekommen ist.
Haffner war 1938 mit seiner Familie zunächst illegal nach Großbritannien emigriert. Der ausgebildete Jurist, der eigentlich Raimund Pretzel hieß, war ein großer Musikliebhaber (er hatte sein Pseudonym nach Mozarts Haffner-Symphonie gewählt) und hatte sich Meriten als Leichtathlet und Tennisspieler erworben. Die Juristerei unter den Nazis (mit ihren Juristenlagern) verabscheute er. In Großbritannien wurde Haffner (bis 1934 hatte er für die „Vossische Zeitung“ geschrieben) Mitarbeiter der weltberühmten Wochenzeitung „Observer“, deren journalistisches Selbstverständnis er beibehielt, als er 1954 nach Deutschland zurückkehrte und zunächst für die „Welt“ und dann als Kolumnist für den „Stern“ arbeitete.
Haffner hat zahlreiche Bücher geschrieben, die sich dadurch auszeichnen, wie sein Verleger Helmut Kindler meinte, dass sie nicht redigiert zu werden brauchten, weil sie so gut und unterhaltsam geschrieben worden waren. Das begann bereits 1940 noch in Großbritannien, wo Haffner in seinem „Germany: Jekyll and Hyde. Deutschland von innen betrachtet.“ (deutsch 1990) Hitler einen Selbstmord prophezeite und sich damit als hellsichtiger Prophet erwies. 1965 erschien „Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches. Grundfehler deutscher Politik nach Bismarck, damals wie heute.“, 1968 „Der Teufelspakt. Fünfzig Jahre deutsch-russische Beziehungen.“ Die moderne deutsche Geschichte war Haffners Metier. Aber er schrieb auch eine Biographie über Winston Churchill, in der er den Widerstandspolitiker gegen Hitler feierte (1967). Haffner war militärhistorisch gelehrt („Das Wunder an der Marne“ 1982), schrieb Feuilletons und bekannte sich zu „Überlegungen eines Wechselwählers“ (1980).
In „Die verratene Revolution. Deutschland 1918/19“ warf Haffner (ähnlich wie 1993 und 1995 Klaus Gietinger „Eine Leiche im Landwehrkanal“) der SPD vor, an der Jahreswende 1918/19 einen demokratischen Neubeginn in Deutschland verpasst zu haben. In „Preußen ohne Legende“ dekonstruierte Haffner die konservativ-preußische Legendenbildung und zeichnete das Doppelgesicht von Untertanengeist und Toleranz. In „Anmerkungen zu Hitler“ lernen wir die Unterschiede des Nationalsozialismus zum Faschismus etwa in Italien und zum Kommunismus kennen.
Haffners erst 1999 als Skript gefundene „Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933“, die 2000 als Buch erschien, war dem ZDF Anlass für ein Doku-Drama (Peter Adler und Gordian Maugg) am Dienstag, dem 22.1.2013. Der Titel ist m.E. nicht gelungen. Der FAS-Autor Uwe Soukup, der 2001 eine lesenswerte Biographie über Haffner publiziert hat („Ich bin nun mal Deutscher“), bemängelt die eine oder andere Verkürzung. Aber Sebastian Haffners wegen ist die Sendung gewiss sehenswert.