322: Carolin Emcke über welthaltigen Journalismus, Zuhause-Sein und die Menschen im Gaza-Streifen

Carolin Emcke ist Reporterin, aber sie hat auch politische Theorie in Yale gelehrt. Und sie hat drei Bücher geschrieben:

„Wie wir begehren“ (über Homosexualität),

„Stumme Gewalt“ (über die RAF) und

„Echoes of Violence“ (über ihr Erleben als Kriegsreporterin).

Emckes Journalismus und ihr Schreiben sind dadurch gekennzeichnet, dass sich hier wenige Formeln und Floskeln finden. Die Reporterin weicht den Widersprüchen nicht aus. Sie benennt sie und ist klar in ihren Aussagen. Im Interview mit Waltraud Schwab in der „taz“ (23./24.12.12) äußert sich Emcke insbesondere zu Schwächen im Journalismus und in der politischen Analyse.

Emcke (bei der Erläuterung von „Welthaltigkeit“): Dass man nicht nur um sich selbst kreist. Und dass man offen ist für das, was man nicht versteht. Das missfällt mir am Journalismus, dass Texte oft nicht welthaltig sind. Es wird etwas geschrieben über Menschen, ihren Alltag – aber oft spiegelt es nur das Denken derer, die es aufschreiben. Es weist nicht darüber hinaus. Das Zweite, das mit Weltcafé ausgedrückt wird, ist diese Sehnsucht nach dem Reisen, nach dem Aufbruch, danach, sich ins Offene hineinzubegeben.

taz: Die Rastlosigkeit ist also intellektuell und nicht emotional?

Emcke: Ich bin sehr gern auf Reisen. Und wenn ich auf Reisen bin, bin ich gern da, wo ich gerade bin. Ich muss von dort nicht weglaufen, um mir etwas Neues zu suchen, sondern ich muss verstehen. (Das klingt aber sehr nach Hannah Arendt, W.S. !)

taz: Anders als Nomaden begeben Sie sich also, wenn Sie reisen, aus einer Position der Sicherheit in eine der Unsicherheit?

Emcke: Das ist eine intellektuelle Wendung, mit der ich was anfangen kann. Ein Zuhause taugt ja nichts, wenn man es nie infrage stellt. Eine Vertrautheit, eine Gegend, eine Landschaft wird einem erst spürbar, wenn man weggegangen ist und wieder zurückkommt. Es gibt mehrere Sachen, die mir enorm gut gefallen daran, in Gegenden unterwegs zu sein, aus denen ich nicht komme. … Eine der großen Schwächen der politischen Diskussion ist, dass immer über Identität und Differenz, über das Eigene und das Andere nachgedacht wird. Ich finde es politisch und philosophisch spannender, wenn man nach Ähnlichkeiten sucht. Wenn sie Brot suchen, werden sie nicht dasselbe finden wie zu Hause, aber sie suchen nach etwas, das ähnlich ist. Nicht im Geschmack, sondern in der sozialen oder psychischen Funktion. Sie suchen nach etwas, das Ihnen vertraut ist.

taz: Sie kommen gerade aus dem Gazastreifen zurück. Haben die Leute Brot?

Emcke: Fladenbrot, Sesambrot, Brot mit Feigen, mit Datteln.

taz: Und wie geht es den Leuten?

Emcke: Denen, mit denen ich gesprochen habe, geht es viel schlechter, als es die hiesige Presse abgebildet hat. Außerdem geht es ihnen schlechter als im letzten Krieg 2008/09. Ich habe zum Teil die gleichen Menschen interviewt wie damals. Obgleich dieser Krieg viel kürzer war, hatte ich den Eindruck, dass sie sehr viel mehr unter Schock standen. Mein Gefühl war, dass dieser jetzige Krieg das Trauma des letzten reaktiviert. Wie eine Doppelung des Schmerzes. Ich war erstaunt, wie schnell sich die internationalen Beobachter auch wieder zurückzogen. Als ob mit dem Ende des Bombardements der Krieg vorbei sei. Aber der Krieg ist nicht vorbei, wenn er vorbei ist.

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