Haithabu ist eine rekonstruierte Wikingersiedlung bei Schleswig und das angrenzende „Danewerk“ ist ein frühmittelalterlicher Schutzwall. Es ist das älteste erhaltene Bodendenkmal Nordeuropas (Charlotte Frank, SZ 13.12.12). Der Professor an der Universität Kiel und Landesarchäologe Schleswig-Holsteins, Claus von Carnap-Bornheim, erzählt über die Siedlung: „Haithabu erzählt uns, dass es hier eine maritim geprägte Kultur gab, die vor mehr als tausend Jahren in der Lage war, von Konstantinopel bis Neufundland zu denken.“
Es ist die Wikinger-Kultur. Diese aus Skandinavien (Dänemark, Norwegen, Schweden) stammenden Seefahrer waren auch Handwerker, Bauern und Händler, die Perlen aus Osteuropa nach Haithabu brachten, Gürtelbeschläge von der Wolga, Glas vom Rhein. Das alles haben sie aus dem Boden geholt. Und das macht heute (bei der Erforschung) Schwierigkeiten. Von Carnap-Bornheim: „Das Problem der Archäologie ist: Das meiste spielt unter der Erde. Es gibt nur wenige Beispiele wie Ägypten, wo man wenigstens die Pyramiden sieht.“
Diese Forschungsprobleme haben dazu geführt, dass der Kieler Professor kürzlich mit seinem Vorhaben gescheitert ist, Haithabu und das „Danewerk“ von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklären zu lassen. Der Antrag dazu sollte gemeinsam mit den Ländern gestellt werden, in denen die Wikinger Spuren hinterlassen haben, Island, Dänemark, Lettland, Norwegen und Schweden. Aber die Schweden machen nicht mehr mit. Weil sie anscheinend Zweifel daran hegen, dass es die Wikinger tatsächlich gegeben hat.
Vermutlich sind die Bedenkenträger in Schweden sich nicht darüber klar, dass jeder wissenschaftliche Begriff (wie „Wikinger“) eine Konstruktion ist. Diese Konstruktionen stammen von uns Menschen, sie sind nicht naturgegeben. Es kommt darauf an, ob sie sinnvoll sind und sich zur Beschreibung dessen eignen, was erfasst und dargestellt werden soll. So sagt die Museumsleiterin von Haithabu, Ute Drews: „Die Wikinger waren ein Zustand.“ „Auf Viking fahren“ hieß „früher“, mit dem Schiff eine Reise zu unternehmen. Diejenigen, welche die Reise unternahmen, waren „die Wikinger“. Und insofern waren „die Wikinger“ eine Sprach- und Religionsgemeinschaft um Atlantik und Ostsee, die zusammengehalten wurde durch eine gemeinsame Art zu leben, zu handeln, zu bauen, zu werken, in die Ferne zu reisen, an Götter zu glauben.
Diese „Wikinger“ spielten vom neunten (9.) bis elften (11.) Jahrhundert (also in einer Zeit, in welcher der Begriff „Deutschland“ erst entstand) in Europa eine dominante Rolle. Mit ihren schnellen Booten kamen sie über See, fuhren aber auch die Flüsse Rhein, Donau, Seine, Elbe, Wolga und andere hoch. Sie waren gefürchtete Krieger, gründeten eigene Herzogtümer, unterstützten den Papst gegen die deutschen Könige (später: Kaiser des heiligen römischen Reichs deutscher Nation) und führten die ersten Kreuzzüge an. Ich möchte am Beispiel der Normannen zeigen, dass sie in einigen zentralen Punkten die europäische Kultur nachhaltig geprägt haben. Normannen heißen die Wikinger, die das Gebiet der heutigen Normandie (links und rechts der Seine) bei ihren Angriffen auf England von Anfang an als Basis und Stapelplatz benutzt haben.
Ich habe davon viel gehört, weil es uns unsere großzügigen französischen Freunde Ute und Jean Louis Leignel ermöglichen, dass wir seit 1993 jedes Jahr ein paar Wochen in der Normandie verbringen.
911 schlossen der französische König Karl der Einfältige und der Wikingerführer Hrolfr (Rolf) den Vertrag von St.-Clair-sur-Epte, in dem die Gründung eines Wikinger-Siedliungsgebiets beiderseits der Seine vereinbart wurde, aus dem später das Herzogtum Normandie entstand. Rolf hatte dänische und (in geringerem Maß) norwegische Wikinger dorthin geführt. Die Wikinger waren bis Paris vorgedrungen und hatten es eingenommen.
Von hier aus führte 1066 Wilhelm der Eroberer (Guillaume le Conquerant) sein Heer über den Kanal in die Schlacht von Hastings, in der er England und weitere Ländereien auf der Insel eroberte und den Normannen das Königreich Britannien (bis heute) gewann. Wilhelm wurde auch Wilhelm Bastard genannt, weil er der Sohn Roberts des Prächtigen und der Gerberstochter Arlette war. Wilhelms Streitmacht lag mit 2000 Rittern, ihren Pferden und Booten am Beginn seines Feldzugs am Flüsschen Dives (beim heutigen Cabourg). Dargestellt werden der Heerzug und die Schlacht von Hastings auf dem „Teppich von Bayeux“ (in Bayeux, Basse Normandie). Deswegen sind wir darüber so gut und bis in Einzelheiten hinein informiert.
Die Normannen hatten den Kämpfertyp des Ritters erfunden, aus dem sich in der Militärgeschichte dann die schwere Kavallerie entwickelte. Die Streitrösser wurden mit der rechten Hand in die Schlacht geführt und hießen deswegen Destrier. Erst im Kampf wurde aufgesessen (und mit Lanze und Schwert gefochten). So haben die Normannen das europäische Rittertum begründet und entwickelt. Im ersten von Papst Urban 1095 ausgerufenen Kreuzzug eroberten die normannischen Ritter 1099 Jerusalem. In den weiteren Kreuzzügen spielten die Normannen eine Hauptrolle. Sie gründeten im 11. Jahrhundert im heutigen Syrien das Fürstentum Antijochia („Outremer“), das im 13. Jahrhundert mangels normannischer Kämpfer zurückerobert wurde. Hier regierten Bohemund I. von Tarent als Fürst von Antijochien bis 1099 und sein Neffe Tankred bis 1112. Sie stammten aus der Familie der Hauteville, die wahrscheinlich aus dem Dorf Hauteville-le-Guischard kommt.
Wie Bohemunds Name (Tarent) schon anzeigt, war die Basis der europäischen und normannischen Kreuzzugs-Aktivitäten Süditalien, wohin die Normannen auf der Suche nach Land in einzelnen Rittergruppen gezogen waren. In der Normandie entwickelte sich der auf Landbesitz gegründete Feudalismus zuerst. Diejenigen normannischen Ritter, die kein Erbe antreten konnten, boten einigen Herrscherhäusern in Europa ihre (militärisch sehr erfolgreichen) Dienste an. Darunter auch dem Papst in Rom, für dessen zeitweilige militärische Stärke sie standen.
In der Normandie selbst entfaltete sich der Feudalismus zur höchsten Blüte. Das brachte Erfolge nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in der Verwaltung mit sich. Kloster wurden gegründet. Die Normannen, die sich als sehr anpassungsfähig erwiesen und schnell die einheimische Kultur übernahmen (z.B. ganz früh französich sprachen), reüssierten mit ihrem Wikingergeist nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in der Landwirtschaft, im Handel und im Schiffbau. Sie verbreiteten das Christentum. Einher ging das mit einer Romanisierung. Im Hinblick auf die normannische Kultur können wir geradezu von einer „Normannitas“ sprechen. In der Selbstwahrnehmung der Aristokratie galt der Satz „Noblesse oblige.“ Dafür stehen die Familien der Montgomery, Montfort, Beaumont, Ferrer, Mortimer, Mowbray, Tosny, Waremme und andere.
Die Normannen übernahmen die militärische Hauptrolle bei Wiedergewinnung Spaniens vom Islam (Reconquista), nachdem 732 der Frankenherzog Karl Martell die Muslime in der Schlacht von Poitiers besiegt hatte. Sie beherrschten die Normandie und gewannen Süditalien. Und 1066 übernahmen sie England. Viele der normannischen Aristokraten liebten den Kampf und den Krieg. Dazu wurden sie geradezu erzogen. Das bringt ihnen heute im Zeichen eines allfälligen Pazifismus viel Ablehnung ein. Aber das ist nur ein Missverständnis. Denn zu verstehen ist die Normannitas nur aus ihrer Zeit heraus, in der Europa begründet wurde. Und wir verstehen die Normannen nicht, wenn wir George Bushs Verwendung des Begriffs „Kreuzzug“ übernehmen.
Die Namen vieler normannischer Krieger und Herzöge sprechen für sich. So etwa Wilhelm Langschwert (begraben in der Kathedrale von Rouen). Roger von Hauteville wurde der große Graf von Sizilien, das die Normannen von den Muslimen zurückeroberten. Wilhelm von Hauteville warf den Emir von Syrakus im Zweikampf aus dem Sattel und führte seither den Namen „Wilhelm Eisenarm“ („Guillaume Bras de Fer“). Eine sehr große Rolle bei der Eroberung Süditaliens spielte Robert Guiscard, der Bruder des großen Grafen (ebenfalls aus der Familie der Hauteville). Das von Roger II. 1130 gegründete Königreich Sizilien existierte bis ins 19. Jahrhundert. Dass die Normannen manchmal auf beiden Seiten der Front kämpften, kommt durchaus in dem abwertend gemeinten Namen Roger „Borsa“ zum Ausdruck, der beschreibt, dass Roger für Geld kämpfte. Aber er war eine Ausnahme (wie Robert der Teufel).
Nicht zu leugnen ist aber, dass es sie gegeben hat, die Wikinger in und von der Normandie, die Normannen. Ihre historisch gesehen wohl bedeutendste Leistung ist die Eroberung Englands nach der Schlacht von Hastings 1066. Für Kundige lässt sie sich heute noch in der einen oder anderen Übung am Hofe von Windsor erkennen (Quelle: R. Allen Brown: Die Normannen. 2. Auflage. München 1991).
(Für Ute und Jean Louis Leignel)