306: Doch „Hineinschliddern“ in den Ersten Weltkrieg?

Der Erste Weltkrieg wird vielfach als die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Damit soll gesagt sein, dass davon die vielen folgenden Katastrophen und der Totalitarismus (Bolschewismus , Nationalsozialismus) herrührten. Das gibt dem Ersten Weltkrieg solch eine überragende Bedeutung für die Deutung der jüngeren und jüngsten Geschichte.

Solange ich zur Schule ging (bis 1965), galt für die Ursachen des Ersten Weltkriegs der Satz des seinerzeitigen britischen Außenministers Lloyd George vom „Hineinschliddern“ in diesen Krieg. Das wurde in Deutschland gerne akzeptiert, weil damit eine Alleinschuld Deutschlands nicht behauptet wurde.

Um so heftiger verlief der Diskurs über Fritz Fischers These vom „Griff nach der Weltmacht“ (1962), mit welcher der deutsche Historiker der deutschen Reichsführung bis 1914 den entscheidenden Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs gab. Diese These ließ sich in der deutschen Geschichtswissenschaft zunächst nicht durchsetzen. Ich habe als Student der Sozialwissenschaften noch in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts in einigen Seminaren, an denen ich teilnahm, die ganze Härte der Auseinandersetzung selbst miterlebt. Viele konservative Historiker versuchten, Fritz Fischer verächtlich zu machen. Erst gegen Ende des Jahrhunderts gewann Fischers These die Vorherrschaft bei der Deutung des Ersten Weltkriegs (Vgl: Wilfried Scharf: Deutsche Diskurse. Die politische Kultur von 1945 bis heute in publizistischen Kontroversen. 2. Aufl: Hamburg 2009, S. 35-39).

Nun scheint ein Buch von Christopher Clark alles wieder umzuwerfen.

Christopher Clark: The Sleepwalkers. How Europe went to War in 1914. Allan Lane – Penguin Books 2012, 697 Seiten, 39,77 Euro.

Darin verficht der australische Historiker die These, dass von einer Alleinschuld Deutschlands nicht die Rede sein könne. Die Mächte hätten militärische Absprachen getroffen und sich verbündet und so eine Konstellation herbeigeführt, in der sich alle angegriffen fühlten. Die Folge sei eine unermessliche Hochrüstung gewesen. Wie „Schlafwandler“ seien die Großmächte in den Krieg getaumelt. Der deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg unterscheide sich nur in persönlichen Nuancen von seinen Gegenparts in Frankreich oder Russland. Die Großmächte hätten sich schließlich nicht mehr darum geschert, wie die eigene Politik beim Gegener ankomme und welche Reaktionen sie hervorrufen könne. So habe das Attentat serbischer Revolutionäre in Sarajevo das Fass zum Überlaufen gebracht und den äußeren Anlass zum Krieg geboten (Gerd Krumeich, SZ 30.11.12).

Clark wertet nahezu alle Quellen aus. Sein Buch ist wohl ziemlich wichtig für 2014, das Jahr, in dem sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal jährt. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es von irgendeiner Seite als Grund für revisionistische Schlussfolgerungen genommen wird. Die gegenwärtige deutsche Außenpolitik ist von Imperialismus und Kriegshetze meilenweit entfernt. Das gilt m.E. auch für Auslandseinsätze der Bundeswehr. Zumal dann, wenn sie unter Parlamentsvorbehalt einer Mehrheit im Bundestag bedürfen.

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