Von der hoch korrupten Sportart Radrennen haben viele von uns genug und wollen davon nichts mehr hören. Das verstehe ich sehr gut. Allerdings sind die Skandale der letzten Zeit, insbesondere aus der Ära Armstrong, noch keineswegs juristisch aufgearbeitet. Und viele haben daran ein Interesse, dass dies geschieht. So der ehemalige Radprofi Paul Kimmage. Er hatte für die „Times“ schreibend mehrmals die UCI-Vorsitzenden Hein Verbruggen und Pat McQuaid beschuldigt, die Machenschaften von Armstrong gedeckt zu haben. Dafür hatten sie ihn verklagt, die Klage allerdings zurückgezogen, als die UCI Armstrong seine Tour-Titel wegen Dopings aberkennen musste.
Nun klagt Kimmage wegen „Rufmord, Verunglimpfung und starkem Betrugsverdacht“. Sein Anwalt Cedric Aguet hat 55 Beweisstücke beigefügt. Kimmage hat bereits „über den schweren Verdacht informiert, der zumindest auf Hein Verbruggen lastet, direkt oder indirekt entscheidende Beihilfe geleistet zu haben für Armstrong, der gedopt hohe Geldsummen in und außerhalb des Wettkampfs erzielen konnte“. Der Niederländer Verbruggen steht sehr gut mit dem IOC-Präsidenten Jacques Rogge (Belgien).
Das Schreiben des Kimmage-Anwalts Aguet enthält noch den Satz, Kimmage betreibe die Strafsache auch „für die Hinweisgeber Swart, Andrieu, Landis, Bassons, Aubier, Delion, Obree und alle, die für die Wahrheit und den Sport einstehen, und die von Verbruggen und McQuaid als ‚Feiglinge‘ und ‚Drecksäcke‘ abgetan wurden“. Armstrong hatte der UCI 125 ooo Dollar gespendet, nachdem er bei der Tour de Suisse positiv getestet worden war. Armstrong-Initimus Johan Bruyneel soll noch 2012 von der US-Anti-Doping-Behörde (USADA) der Prozess gemacht werden. Insider sind überzeugt, dass Bruyneel kurz vor dem Prozess zurückzieht wie Armstrong im August 2012, um dort keine Falschaussage machen zu müssen, die ihn ins Gefängnis bringen könnte (Thomas Kistner und Andreas Burkert, SZ 5. und 6.11.12).
Vom ganzen Doping nichts gewusst hat angeblich Jens Voigt. Er ist heute 41 Jahre alt. Und er stammt noch aus dem alten Dopingssystem der DDR. Seit 1997 ist er Profi. Ich habe seither fast alle seine Teilnahmen bei der Tour de France im französischen Fernsehen verfolgt. 1997 gewann sein Mannschaftskamerad Jan Ullrich, der ein Jahr vorher noch Bjarne Riis als Edelhelfer zum Tour-Sieg verholfen hatte. Riis hatte 2007 sein Doping 1996 gestanden. Im „Welt“-Interview (3.11.12) mit Jens Hungermann bestritt Jens Voigt jemals gedopt oder vom Doping etwas mitbekommen zu haben. Das ist vollkommen unglaubwürdig.
Voigts zeitweiliger Mannschaftskamerad Tyler Hamilton sagt dazu: „Du musst von Blinden umgeben sein, wenn du in deiner 15-jährigen Karriere nie etwas gehört oder gesehen haben willst.“ Voigt kenne jeden im Feld, „und da wurde über Doping geredet“. Voigt radelte von 2004 bis 2010 für Riis, danach für RadioShack, wo Armstrong 2011 seine Karriere beendete und das von Johan Bruyneel geleitet wurde. Jörg Jaksche sagt: „Zufälligerweise war Voigt immer bei den Teams mit den zweifelhaftesten sportlichen Leitern.“ Jaksche war 2004 Voigts Kollege beim Riis-Team CSC. Dass bei Riis organisiert gedopt wurde, nehmen alle Fachleute an. Tyler Hamilton beschuldigt Riis, ihn zum Blutdoping aufgefordert zu haben.
Jörg Jaksche: „Voigt hatte außerdem seine erfolgreichste Zeit, als Epo noch nicht nachweisbar war, insofern sind seine Aussagen mehr als fragwürdig. Und diejenigen, die nach Dopingskandalen immer sagen, das sei doch Vergangenheit, veräppeln die Leute eh am meisten.“ Die CSC-Kapitäne und Voigt-Freunde Ivan Basso und Frank Schleck wurden als Blutdoper überführt. Bjarne Riis hatte seine Fahrer schon 2005 zu Eufemio Fuentes nach Madrid gefahren. Jens Voigt fuhr 15 mal die Tour de France, sieben Mal für Riis.
Wenn er also sagt, dass er selber nie dedopt und von Doping nichts erfahren habe, dann glauben wir ihm nicht. Jens Voigt ist vollkommen unglaubwürdig.