Die Rolle der Medien in den Affären Wulffs

Für einige auch unter uns ist klar, dass die Medien die entscheidende Rolle bei der Entfaltung der anscheinend nicht enden wollenden Affären Christian Wulffs spielen. Und nicht der Bundespräsident selbst. Er wird von solchen Menschen als Opfer der Medien gesehen und stilisiert. Und so präsentiert sich der Bundespräsident auch selbst. Dies Muster ist nicht neu. Es tritt immer wieder auf. Und deswegen brauchen wir es auch nicht allzu ernst zu nehmen. Für solche Diskurs-Beiträger sind stets die Medien schuld. Egal, was passiert.

Wenn nun aber sogar Autoren wie Johann Schloemann in der „Süddeutschen Zeitung“ (11.1.12) in Erwägung ziehen, „dass die Sache mit Christian Wulff und seinen reichen Freunden vielleicht doch nicht ganz so groß gewesen sein könnte wie der Apparat der Medien, der dafür mobilisiert wurde“, dann haben wir eher Grund, darüber nachzudenken. Zwei Hauptargumente werden vorgetragen:

1. Die „Kleinteiligkeit“ der Anwürfe spreche für die Banalität des Alltäglichen und

2. die führende Mitwirkung der „BILD“-Zeitung desavouire die Angriffe auf Wulff.

Diese Argemente sind leicht widerlegt:

1. Die „Kleinteiligkeit“ geht hauptsächlich darauf zurück, dass der Bundespräsident nur scheibchenweise mit Informationen zu den Vorwürfen herausrückt. Und dann kündigt er Informationen an, ohne sie tatsächlich zu geben, weil er sie vorher politisch und juristisch nicht bedacht hat.

2. Die Mitwirkung der „BILD“-Zeitung zu tadeln, geht fehl, weil es ja der Bundespräsident selber war, der auf die Mailbox des Herrn Chefredakteurs gesprochen hat.

Sich auf die Einlassungen von Bettina Schausten zu konzentrieren und überhaupt das öffentlich-rechtliche Fernsehen in den Mittelpunkt der Kritik zu stellen, finde ich unberechtigt. Einmal sollte die Bedeutung einer einzelnen Journalistin nicht überbewertet werden. Und zweitens gehorcht das Bildmedium Fernsehen nun einmal anderen Gesetzen als die Presse, die Qualitätszeitungen zumal.

Schloemann: „Es geht hier keineswegs um eine technische Kollegenschelte. Es geht um eine drohende strukturelle Gefahr in der Entwicklung des Journalismus und der demokratischen Öffentlichkeit, wenn die politische Analyse, nicht zuletzt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, aufs Tickerformat schrumpft, wenn führende Journalisten zu Aufsagern von Empörungsklischees und Personalklatsch werden.“

Die „BILD“-Zeitung zu kritisieren, wenn sie sich einmal führend an der Aufdeckung von für die Öffentlichkeit wichtigen Informationen beteiligt, statt nackte Frauen und Dieter Bohlen zu bringen, geht genau in die falsche Richtung. Die „BILD“-Zeitung bleibt sich vermutlich dabei selber treu. Sie agiert mit den Mitteln einer Boulevardzeitung, der Personalisierung und Sensationshascherei. Das sollten sich gerade die Medienkritiker vor Augen halten, die ansonsten nach meinem Wissen viel zu „BILD“-gläubig sind.

Aber klar ist auch, warum die Institution des Bundespräsidenten so wichtig für uns in Deutschland ist. Es handelt sich dabei um eine Institution, die ihre Stärke aus der Unabhängigkeit zieht. Sie soll oberhalb des parteipolitischen Kalküls und der ökonomischen Sachzwänge stehen, die sich ansonsten in der Politik überall durchgesetzt haben. Klugheit, Anstand und rhetorische Klasse können dabei nicht schaden.

Dafür haben wir Kandidaten in Deutschland.

Neu ist, dass viele Medien („Die Welt“, „BILD“, „Frankfurter Rundschau“, „Berliner Zeitung“, „Der Spiegel“, „Süddeutsche Zeitung“) ihre vorläufigen Rechercheergebnisse nicht für sich behalten, sondern öffentlich präsentieren wollen. Das ist einmalig in der deutschen Pressegeschichte, wie Hans Leyendecker in der „Süddeutschen Zeitung“ (13.1.12) darlegt. Und die „Frankfurter Rundschau“ erläutert, dass eine solche Veröffentlichung zeigen werde, „wie wenig manche Antworten erklären, wie oft Nachfragen nötig waren“.

Freuen wir uns darüber, dass wir in Deutschland bewegliche und unabhängige Medien haben, die uns dieses Mal wirklich mit relevanten Informationen bedienen.

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