Rolf Aldag hatte sich lange Zeit den Ruf eines fairen und sauberen Radrennfahrers aufbauen und erhalten können. Das galt selbst noch zur Zeit seiner Mitgliedschaft im Telekom-Team um Jan Ullrich. 2007 hatte Aldag mit anderen wie Erik Zabel ein EPO-Geständnis abgelegt. Damit war sein Weg im internationalen Radrennsprt noch nicht zu Ende. Er fuhr zunächst weiter und wurde schließlich Sportchef des T-Mobil-Teams. Dadurch landete er bei Highroad, das als Team im Oktober 2011 aufhörte, als keine Sponsoren mehr zu finden waren. Nun hat sich Rolf Aldag in einem Interview mit Andreas Burkert von der SZ ausführlich geäußert (11.1.2012).
Aldag hält nun „blindes Vertrauen“ gegenüber „Sportlern, Teams und Funktionären“ nicht mehr für angebracht. Zum internationalen Radrennsport: „Das strukturelle Problem ist geblieben. Es läuft alles viel zu langsam in eine bessere Richtung.“ Man brauche sich doch nur den Fall Alberto Contador anzuschauen. „Das ist ein totales Desaster.“ Auf die Frage, ob solche Probleme nicht überall im Hochleistungssport verbreitet seien, antwortet Aldag: „Wie realistisch ist es denn zu glauben, dass der Sport überhaupt ethisch sauber sein kann – wenn Olympische Spiele verschachert werden oder die Fußball-WM? Wenn dort viele korrupt sind und einfach machen, was sie wollen? Man braucht doch nur die Karriere-Leitern anschauen. Ein Hein Verbruggen ist im IOC und erwartet von Pat McQuaid, seinem Nachfolger in der UCI, natürlich 100-prozentige Unterstützung. Sie schützen sich gegenseitig, und auf diese Leitern kommst du nicht dazwischen.“
Die UCI verstoße laufend gegen ihr eigenes Regelement. So lasse der langjährige Teamchef von Lance Armstrong, Johan Bruyneel, jetzt ein Team an den Start gehen mit dem Namen „Leopard-Trek-Nissan-Radioshack“. Mit den Brüdern Schleck aus Luxemburg sei es Tour-Favorit. Oder es gewinne eben Alberto Contador.
Dann fragt Burkert, wie Aldag es im Radsport ausgehalten habe nach dem Festina-Skandal 1998 und dem Skandal um Eufemio Fuentes 2006. Aldag: „Weil der Sport natürlich schon faszinierend ist, wenn es eine realistische Chance gibt, den Kampf um Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Im Moment habe ich da meinen Zweifel. Und ich muss jetzt erkennen, dass ich bei meinem Antritt wohl eher naiv war. … Kein Mensch fängt doch mit 13 mit Radfahren an und hat das Ziel, mit 23 an der Nadel zu hängen. Und ich glaube auch nicht, dass alle Fechter gute Menschen mit gutem Charakter sind – und alle Radsportler drogensüchtig, Diebe sind, Lügner und schlechte Menschen. Deswegen ist es einfach ernüchternd, wenn so eine Chance vertan wird 1998 und dann wieder 2006.“
Zur Universität Freiburg äußert sich Aldag am bittersten: “ .. das war natürlich alles andere als Aufklärung. Das war nur im Interesse und zum Schutz der Universität. Der Bericht der Uniklinik Freiburg war das Enttäuschendste, was ich jemals gelesen habe: Wir haben da zwei böse Ärzte und ein paar böse Sportler – und ansonsten hat keiner an der Uni davon gewusst? … Sorry, das ist total unrealistisch.“ Es ist uns klar, dass es hier um die Exzellenz-Universität Freiburg geht.
Nach Aldags Meinung ist von der UCI keine Besserung zu erwarten. „Die UCI ist nicht Willens zu sagen, wir beteiligen andere Leute an den Entscheidungen. Sie will kommerziellen Erfolg. Da gehen sie also lieber nach China mit einem Rennen im Herbst. Da verdienen sie Geld und nötigen uns, teilnehmen zu müssen. ‚Komste nicht? – Kannste deinem Sponsor schon mal sagen, dass es schwer wird mit dem Tour-Start!‘ So dreht es sich im Kreis.“
Deswegen können wir Sport-Fans den Radsport moralisch abschreiben. Er sollte geächtet werden. Und in anderen Sportarten wie Fußball scheint es ja nicht viel besser auszusehen, allein wenn ich an die WM-Vergabe nach Katar denke. Das klärt Sepp Blatter ja jetzt auf.