10 Thesen zu den Gefahren der Cyberdemokratie

Es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass viele positive politische und gesellschaftliche Entwicklungen durch die Unterstützung aus dem Netz befördert worden sind. Das gilt etwa für den arabischen Frühling (Arabellion) oder die Proteste gegen die gefälschten Wahlen in Russland. Aber es gibt auch Gefahren, die aus der Cyberdemokratie erwachsen. Hier zehn (10) Thesen dazu.

 1. Es kann gefährlich sein, der Weisheit der vielen (Crowdsourcing) zu vertrauen. Denn häufig wissen wir nicht genau, wer es ist und welcher Mehrheitsverteilung, der seine Meinung im Netz verbreitet.

2. Propagandisten, Lobbyisten und vor allem Öffentlichkeitsarbeiter (Public Relations) tummeln sich im Netz unter dem Anschein freier und spontaner Diskurse.

3. Es ist leicht möglich, dass sich im Netz eine technisch inspirierte Minderheit etabliert, welche die frustrierte, demotivierte und unpolitische Mehrheit manipuliert.

4. Im Netz sind Beteiligung und Mitsprache einerseits und Verantwortung andererseits gefährlich entkoppelt. So kann es zu Entscheidungen kommen, für die keiner haftet. Die Möglichkeiten, jemand politisch für seine Entscheidungen haftbar zu machen, sind bisher schon zu gering.

5. Die repräsentative Demokratie, die selbstverständlich auch in der Gefahr ist, dass Minderheiten und Eliten herrschen, ist bei Funktionieren dadurch gekennzeichnet, dass die Interessen von Schwachen berücksichtigt und geschützt werden.

6. Die repräsentative Demokratie ermöglicht die Arbeitsteilung zwischen den Abgeordneten und Bürgern. Während die Abgeordneten sich in Vollzeit den komplexen Problemen der politischen Problemlösung verschreiben können, widmen sich die Bürger ihren privaten Pflichten z.B. in Beruf und Familie. Auf diese Weise leisten sie ihren Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung.

7. Das Tempo im Netz ist für seriöse Entscheidungen zu hoch. Demokratie benötigt mehr Geduld.

8. Im Netz regieren Partikularinteressen. In den meisten Fällen wissen wir ja nicht einmal genau, wie viele sich an einem oder mehreren Diskursen beteiligen.

9. Im Netz haben von Anfang an Kommerz, Pornografie und Gewaltdarstellungen (bemäntelt von der Netiquette) dominiert. Hier stimmt deswegen die These, die auch schon für viele „alte“ Massenmedien galt, dass nämlich die Rezipienten und User im Wege des Unterhaltungsslaloms von ihren tatsächlichen Alltagsinteressen abgelenkt werden können (Unterhaltung, Shopping, Nebensächlichkeiten).

10. Auch die viel gelobte Transparenz im Netz bedarf das Räsonnements. Denn wo sie den Vorteil der Überprüfbarkeit mit sich bringt, kann leicht in Vergessenheit geraten, dass die Demokratie auch der Diskretion (und manchmal der Vertraulichkeit) bedarf.

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