Wikileaks wird den Journalismus verändern. Aber nicht alle Prinzipien für Qualitätsjournalismus sind hinfällig. Denn Quellen sprechen nicht von alleine, sie müssen befragt werden (Bernd Gäbler, taz 4./5.12). Und das Intime wird noch wertvoller als bisher. Die Pressefreiheit ist möglicherweise dann in Gefahr, wenn zwar das Angebot vorhanden ist, aber die Selektionsinstanzen (Gatekeeping) wie etwa Wikileaks oder Privatfernsehen vollständig durchformatisiert sind. Vor allem stellen die neuen Recherche- und Aufdeckungstechniken den gemeinen Rezipienten vor größere Aufgaben. Er muss selbst entscheiden (können), was von den publizierten Informationen relevant ist und was nicht. Bernd Gäbler sieht weniger die Gefahren des Landesverrats oder des „digitalen Leninismus“, sondern spricht davon, dass nicht Julian Assange der neue Lenin wird, aber Karl-Theodor zu Guttenberg vielleicht der neue digitale Berlusconi werden könnte.
Für Dominic Johnson (taz 4./5.12.) sind Vertraulichkeit und Informantenschutz im Journalismus ebenso unverzichtbar. „Wenn Wikileaks Bankdaten veröffentlicht, wie jetzt angeblich geplant, warum nicht gleich persönliche Kontoangaben oder Personalakten? Wo ist die Grenze? Mit welcher Logik kann ein Journalist die Wikileaks-Materialien nutzen, aber gegenüber Polizei und Justiz zukünftig die Preisgabe seiner eigenen Quellen verweigern?“ Johnson fürchtet, dass nun das Recht auf Vertrauensbruch für alle gelte und der Staat gegenüber dem Journalismus am längeren Hebel sitze. Und damit praktisch die Herrschaft staatlicher Desonformation installiert werde.
Auch für Hugh Mortimer (taz 6.12.) führt die wahllose Veröffentlichung von Verschlusssachen nicht zu mehr Transparenz, sondern zu weniger Offenheit. Deswegen gelte für alle: „Seid gewarnt! Nichts ist mehr ‚off limits‘.“ Die Diplomatie werde den Angriff auf sie überstehen. Weil auch gute Projekte bei ihrer Vorbereitung Geheimhaltung und Vertrauensschutz brauchten. Verstärkt würden leider die Sicherheitsvorkehrungen. „Genau hierin liegt die Ironie der ganzen traurigen Angelegenheit.“
Noch weiter geht Thomas Steinfeld in der SZ (8.12.). Er behauptet, dass vieles von dem, was nun mit großem Aplomb veröffentlicht werde, doch eigentlich öffentlich bekannt sei. “ … das Bekannte und Vertraute scheint sich, indem es durch Wikileaks veröffentlicht wird, in etwas absichtlich Verborgenes, etwas Öffentliches in etwas Nicht-Öffentliches zu verwandeln.“ Der eigentliche Geheimniskrämer sei Wikileaks selber. Auch deshalb seien die Enthüllungen das Gegenteil von Aufklärung. Das Prinzip der Verschwörung, das Wikileaks der Politik unterstelle, spiegele sich in der geheim auftretenden Organisation von Wikileaks selber wider. „Von den Folgen der Finanzkrise für die Europäische Union bis zur entstehenden militärischen Großmacht China: nichts davon ist transparent, alles ist Geheimnis – aber es interessiert Wikileaks nicht, weil es sich nicht in eine Verschwörung übertragen lässt.“
Für die Geschichtswissenschaft und die politische Zeitgeschichtsforschung sind offene Quellen natürlich gut (Timothy Garten Ash, Der Spiegel 6.12.). So ist bekannt geworden, dass der türkische Ministerpräsident Erdogan acht Bankkonten in der Schweiz hat. „Es gibt ein öffentliches Interesse daran zu verstehen, wie es in der Welt zugeht und was in unserem Namen getan wird. Es gibt auch ein öffentliches Interesse daran, dass Vertraulichkeit in der Diplomatie gewahrt bleibt. Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal in einer freien Gesellschaft liegen zwei legitime öffentliche Anliegen im Konflikt mieinander.“
Herfried Münkler fragt sich, ob wirklich alles, was Wikileaks zugänglich sei, veröffentlicht wurde (Der Spiegel 6.12.). Wer kontrolliere eigentlich die Kontrolleure? Die Portionen der Publikation würden schließlich vom „Spiegel“ und anderen Massenmedien bestimmt. Und Münkler verlangt, dass derjenige, der dem demokratischen Rechtsstaat die Verfügung über das Geheimnis entreißen wolle, angeben können müsse, dass es bei ihm besser aufgehoben sei.
Und das ist bei den Verschwörungstheoretikern von Wikileaks ja kaum der Fall.
Das bezweifelt auch Hans Leyendecker (SZ, 11./12.12.). Er betont zu Recht, dass es für den Enthüllungsjournalismus schon immer unerheblich gewesen ist, ob eine Quelle uneigennützig dem Guten zum Durchbruch verhelfen möchte oder aus niederen Motiven sprudelt.
Wir kommen also immer wieder an den gleichen Punkt: entscheidend ist die Kompetenz, die erhaltenen Informationen richtig zu bewerten. Dies darf nicht der Publikationspolitik von Wikileaks mit ihrer Auswahl überlassen bleiben.
Henryk M. Broder (Welt am Sonntag, 12.12.) ist sehr optimistisch und übertreibt wie üblich mächtig. An den klassischen Journalismus richtet er die Frage, warum er nicht selbst für die Aufdeckungen gesorgt habe, die nun Wikileaks ins Werk setze. „Und was unterscheidet die Helden von Watergate, Bob Woodward und Carl Bernstein, von Wikileaks und Julian Assange?“ Ein Argument von Broder hat es in sich, wo er sagt, dass es keinen Unschuldigen treffe. In der Tat hatten sich Politiker auch in Deutschland wohl zu lange wie bei Stuttgart 21 als die Sachwalter des eigentlichen Volkswillens verstanden und diesen de facto zumindest teilweise verkannt. Dies muss dringend anders werden.
Insofern demonstriert Wikileaks eindrucksvoll die neuen, technisch fortschrittlichen Beschaffungs- und Publikationsmethoden, die dem Journalismus und der Wissenschaft dienlich sind. Bewerten und entscheiden müssen die Bürger, Wissenschaftler und Politiker selber. Dazu bedürfen sie mehr als je zuvor der Hilfe eines verantwortungsbewussten Journalismus, den es in Deutschland gibt, der sich nicht darauf beschränkt, wahllos zu veröffentlichen, sondern der seine bewussten und begründeten Auswahlentscheidungen (Gatekeeping) trifft. Journalismus ist nicht überflüssig -, sondern wichtiger geworden.
Ich hoffe sehr, dass dies auch überall erkannt wird und wir nicht einer Technik-Euphorie verfallen, die zur Verantwortungslosigkeit verführen kann. Wir schätzen die neuen technischen Möglichkeiten. Aber sie müssen politisch und journalistisch richtig angewendet werden.
Die Angelegenheit dürfen wir nicht Wikileaks überlassen.