Für Thomas Darnstädt („Der Spiegel“, 23.8.2010) zerstört Google mit „Street View“ nicht das Private, sondern die Öffentlichkeit. Seiner Meinung nach treibt die Firma die Politiker regelmäßig vor sich her mit immer neuen Ideen. Und diese Ideen erzeugten in einer von individueller Selbstbestimmung und Menschenwürde geprägten Gesellschaft großes Unbehagen. Demnächst werde es möglich, die Kameralinse eines Handy auf einen beliebigen Passanten zu richten und durch elektronischen Gesichtsabgleich die Identität des Menschen und sämtliche im Internet über ihn gespeicherten Daten zu erfahren. „Es geht, bei ‚Street View‘ und vielen anderen Entwicklungen der digitalen Welt, gar nicht um das Private, es geht um das Öffentliche. Wer nur gebannt auf die – zweifellos gegebene – Gefahr einer Ausforschung unseres Intimlebens starrt, übersieht das wirklich Weltbewegende der digitalen Revolution: die Neu-Organisation, ja vielleicht sogar die Zerstörung jener Sphäre, die die Hälfte unseres Menschseins, die Grundlage von Freiheit und Demokratie ausmacht: die Öffentlichkeit.“
Das Fotografieren von Hausfassaden treffe kein Privatleben, nicht das Recht auf Alleinsein und Intimsphäre. Wie das Wort Fassade schon sage, betreffe es Äußeres, die Art und Weise, wie wir uns in der Öffentlichkeit präsentierten. Die neue, digitale Öffentlichkeit sei eine Potenz öffentlicher als die alte, die bürgerliche Öffentlichkeit. Diese stelle bisher eine Sphäre der Unübersichtlichkeit dar. Der Bürger fühle sich in ihr wie eine Nadel im Heuhaufen. Zwischen dem vielen Heu falle er gar nicht auf. Mittlerweile würden in den Städten, um der Urbanität willen, die Videokameras wieder abgebaut, künstliche Hügel aufgeschüttet und echte Büsche gepflanzt. „Unübersichtlichkeit, das hatte man übersehen, ist für die Öffentlichkeit konstitutiv.“
Wie Jürgen Habermas 1962 („Strukturwandel der Öffentlichkeit“)erkannt habe, besitze die bürgerliche Öffentlichkeit als Kind der französischen Revolution eine subversive Wurzel. Das Bürgertum habe sich diesen Raum genommen, um der autoritären Kontrolle des Absolutismus zu entkommen. Das öffentliche Gebrummel und Gemosere in den Kaffehäusern des alten Europa sei die Grundlage der aufgeklärten, bürgerlichen Öffentlichkeit. Ihre Diskursergebnisse erschienen irgendwann in demokratischen Entscheidungen und in praktischer Politik. In Europa fehle eine solche gemeinsame Öffentlichkeit. Ein entscheidendes demokratisches Manko. Den größten Schock habe die bürgerliche Öffentlichkeit durch die Erfindung des Fernsehens erhalten: die Kraft der Bilder, die Konzentration auf die Verbreitungsmacht weniger Anbieter.
Bisher habe das Bundesverfassungsgericht seinen Bürgern die Unantastbarkeit der Menschenwürde auch im öffentlichen Raum garantieren wollen. Das stoße etwa in den USA auf Ratlosigkeit. „Selbst beim EU-Partner Großbritannien wird der deutsche Wunsch, Öffentlichkeit zu begrenzen, nicht geteilt – ein Blick in die Boulevardpresse der Insel belegt das.“ Für Darnstädt kann kein europäischer Staat mit den Mitteln der Administration etwas auf die Beine stellen, das Google ernsthaft Konkurrenz machen könnte. Eine öffentlich-rechtliche Kontrolle erscheint ihm unmöglich.
Für Norbert Bolz („Süddeutsche Zeitung“, 28./29.8.2010) führen Firmen wie Amazon mit ihrem Marketing der Vorlieben gemeinsam mit dem Neuromarketing einen Zangenangriff auf die Konsumenten des 21. Jahrhunderts. Es gäbe immer mehr Menschen, und keineswegs nur Jugendliche, die ihre Daten gerne preisgäben. Dahinter stecke nach John Dewey wohl der Wunsch, wichtig zu sein. Die neue persönliche Identität lasse sich auf die Formel bringen: „Ich bin meine Mausklicks.“ Die Freiheit der Information und die Privatsphäre seien immer mehr Menschen egal. Mit der Unterscheidung zwischen privat und öffentlich stehe die Idee der bürgerlichen Freiheit auf dem Spiel. „Und der schwerste Angriff auf die Privatsphäre geht dabei übrigens nicht von Regierungen und Unternehmen aus, sondern von den sozialen Netzwerken. Alles, was man tut, kann heute aufgezeichnet und gesendet werden. Die sogenannten Bürgerjournalisten und ihre Handykameras lassen nichts mehr unprotokolliert.“