Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2873: taz-Dokumentation: AfD verunglimpft Nazi-Opfer.

Dienstag, Juni 2nd, 2020

Björn Höcke hatte 2017 die „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert. Der AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland sah im 8. Mai 1945 für Deutschland den „Verlust von Gestaltungsmöglichkeit“. Darin erkennt Peter Laudenbach (taz 26.5.20) die Gestaltungsmöglichkeit, Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, Schwule, Roma, Behinderte und Zwangsarbeiter zu ermorden.

Die taz publiziert einen kurzen (unvollständigen) Überblick über die Übergriffe, Beschädigungen, Beschmierungen auf und von NS-Gedenkstätten in vier Jahren (Mai 2016 – Mai 2020). Es sind 53. Hin und wieder werden uns bekannte Namen erwähnt. So wurden aus einer Besuchergruppe der AfD-Abgeordneten Alice Weidel in Sachsenhausen die NS-Morde in Frage gestellt. Im Zusammenhang mit den Übergriffen wurden folgende NS-Opfer genannt: der Schriftsteller Wolfgang Borchert („Draußen vor der Tür“), der Priester Heinrich König, der Theologe Werner Sylten, die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde in München, Charlotte Knobloch, der Teenager Anne Frank.

2872: Clint Eastwood 90

Montag, Juni 1st, 2020

Die Filmlegende Clint Eastwood wird 90 Jahre alt. Er ist die Ikone des wortkargen Cowboys (tatsächlich ist er stark schwerhörig). In über 70 Filmen hat er mitgespielt. Seit langem ist er auch als Regisseur, Produzent und Komponist (er komponierte u.a. die Musik für „A Million Dollar Baby“ , 2004, mit Hillary Swank, für den er seinen dritten und vierten Oscar bekam), erfolgreich tätig. Die ersten beiden Oscars hatte er für „The Unforgiven“ (1992) erhalten. Viele können Eastwood nicht verzeihen, dass er ein republikanischer Politiker ist, der Donald Trump gewählt hat.

Seinen Durchbruch schaffte Eastwood mit „Für eine Handvoll Dollar“ (1964) und „Für ein paar Dollar mehr“ (1965). Es folgten „Zwei glorreiche Halunken“ (1966) und „Coogans großer Bluff“ (1968). Von 1971 bis 1976 erschienen „Dirty Harry“ I bis III. Zwischen den schon genannten mit dem Oscar für den besten Film und die beste Regie ausgezeichneten Filmen 1992 und 2004 beeindruckten „Die Brücken am Fluss“ (1995). Clint Eastwood ist bis heute rastlos tätig. 2009 hatte er für sein Lebenswerk die „goldene Kamera“ bekommen (Patrick Bahners, FAZ 30.5.20; SZ 30./31.5./ 1.6.20)

Iris Berben berichtet: „Als ich im Jahr 2009 in Kapstadt den Film ‚Kennedys Hirn‘ von Henning Mankell drehte, hatte ich meine zweite nicht erlebte ‚Begegnung‘ mit Ihnen (Clint Eastwood). Ich stieg im Hotel, in dem ich während der Dreharbeiten wohnte, gemeinsam mit meinem Lebensgefährten in den Fahrstuhl. Meinen Blick fest auf meinen Partner gerichtet, beobachtete ich die drei anderen Männer im Aufzug nicht. Beim Verlassen sagte mein Partner zu mir: Du weißt schon, wer jetzt gerade dicht gedrängt neben dir stand? Clint Eastwood, Morgan Freeman und Matt Damon …“

 

2871: Irm Hermann ist tot.

Sonntag, Mai 31st, 2020

Sie gehörte (neben Margit Carstensen, Hanna Schygulla, Ingrid Caven) zu den großen Fassbinder-Schauspielerinnen. Eine Schauspielausbildung hatte sie nicht absolviert, als sie 1965 als Sekretärin beim ADAC zu Fassbinder kam. Sie wurde gleich seine erste Muse und Lebenspartnerin. Seit 1968 arbeitete sie mit am „Antitheater (neben Peer Raben, Hanna Schygulla, Kurt Raab und Harry Baer). Gekennzeichnet durch eine hohe Stimme und als geeignete Präsentatorin des Kleinbürgertums, bei dem sich allerdings Abgründe auftaten.

Einige der ersten markanten Fassbinder-Filme von Hermann waren „Liebe ist kälter als der Tod“ (1969), „Katzelmacher“ (1969), „Händler der vier Jahreszeiten“ (1971), „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ (1972) und „Angst essen Seele auf“ (1973). Sie galt als Fassbinders Geschöpf wie ihr Gegentyp Hanna Schygulla. Aber ihr Potential ging weit darüber hinaus. Sie bekam den Bundesfilmpreis 1971 und heiratete 1975 den Autor Dietmar Roberg, mit dem sie zwei Söhne bekam. 1980 spielte sie in „Berlin Alexanderplatz“ und „Lili Marleen“. Gefragt war sie auch bei Regisseuren wie Hans W. Geißendörfer, Reinhard Hauff und Werner Herzog. Für ihre Rolle als Mitgefangene Sophie Scholls in Percy Adlons „Fünf letzte Tage“ (1983) bekam sie den Deutschen Filmpreis. Sie wirkte in einigen Filmen des Enfant terribles, Christof Schlingensief, mit und gelangte an Frank Castorfs Berliner Volksbühne. Dort glänzte sie in einigen Stücken Christoph Marthalers. 2016 erhielt sie einen umjubelten Abschied. Nun ist Irm Hermann gestorben (Christine Dössel, SZ 29.5.20).

2870: Neuer Radikalenerlass ?

Sonntag, Mai 31st, 2020

Union und SPD streiten in der großen Koalition darüber, wie mit Beamten aus dem extremistischen Teil der AfD umgegangen werden soll. Die innenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Ute Vogt, sagte: „Es muss künftig einfacher möglich sein, demokratiefeindliche Beamtinnen und Beamte aus dem Dienst entfernen zu können.“ Der rechtspolitische Sprecher der Union, Jan-Marco Luczak, hält eine „Änderung des bestehenden Rechtsrahmens“ nicht für erforderlich. FDP und Grüne warnen vor einem neuen „Radikalenerlass“.

Gespannt bin ich auf die Reaktion der Linken im Land, Kämpfern gegen den „Radikalenerlass“. Sind sie hier doch anderer Meinung?

Der wegen Neonazi-Sprüchen aus dem Dienst entfernte Kommunalpolitiker und ehemalige Bundespolizist Bernd Pachal ist aus der AfD ausgetreten. Die Partei wollte ein Auschlussverfahren gegen ihn anstrengen (jbe, FAS 31.5.20; Justus Bender, FAS 31.5.20).

2869: Marcel Reich-Ranicki wird 100.

Sonntag, Mai 31st, 2020

Am 2. Juni 2020 wird Marcel Reich-Ranicki 100 Jahre alt. Das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) widmet ihm dann eine „Spezialausgabe“. Es sind neue Bücher über Reich-Ranicki erschienen. U.a. Volker Weidermann: Das Duell – Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki. Köln (K & W) 2020, 320 S., 22 Euro.

Die FAZ (30.5.20) bringt Auszüge aus dem Tagebuch von Volker Hage (zuerst FAZ, dann „Zeit“ und „Spiegel“). Darin heißt es am 29.9.1983: „R-R ein gewidmetes Exemplar meiner Frisch-Monographie auf den Schreibtisch gelegt. Er dankt und gibt sich verschwörerisch: ‚Sagen Sie es niemandem und schreiben Sie es nicht, was ich Ihnen jetzt sage. Max Frisch ist ein zweitrangiger Schriftsteller. Aber unter den zweitrangigen ist er der Beste.'“

Der Briefeschreiber Reich-Ranicki ist weniger bekannt. Da ist noch manches zu erwarten. Die FAS (31. Mai 2020) bringt sechs Briefe. U.a. einen an Martin Walser (24. April 1986). Da heißt es: „Ihre Postkarte vom 21. April habe ich erhalten. Ich darf annehmen, dass das von Ihnen ausgewählte Gedicht von Peter Hamm (‚Niederlagen‘) zu den Höhepunkten des poetischen Werks dieses Autors gehört. Nun werden also die Leser das Niveau der Lyrik von Hamm genau erkennen können. Zugleich wird ihr Beitrag allen ihren literarischen Geschmack deutlich machen. Dass ich dieses Gedicht für miserabel halte und in ihm keine einzige Zeile finde, die ich als poetisch bezeichnen könnte, braucht Sie nicht im geringsten zu stören. Ich halte zu meinem Wort. …“

2867: Seehofer (CSU) hält an Irrtümern fest.

Freitag, Mai 29th, 2020

Im Maut-Untersuchungsausschuss des Bundestages („Ausländermaut“) hat Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) als Zeuge ausgesagt. Er hält unbeirrt an seinen Irrtümern fest. Die Verantwortung hätten allerdings die ihm nachgefolgten Minister Alexander Dobrindt (CSU) und Andreas Scheuer (CSU). Der ehemalige Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hat ausgesagt, dass er Seehofer auf die europarechtliche Fehlerhaftigkeit der Ausländermaut aufmerksam gemacht habe. So schiebt man sich in der CSU die Schuld gegenseitig zu. Toll!

Seehofer unterstreicht, dass er seine Wahlversprechen habe einlösen müssen. Der Europäische Gerichtshof hat das

CSU-Projekt

im letzten Jahr für rechtswidrig erklärt. Das könnte den Steuerzahler im Ergebnis viele hundert Millionen Schadensersatz kosten. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte bei den von ihm voreilig abgeschlossenen Verträgen nicht aufgeklärt.

Er sollte zurücktreten.

Die Bundestags-Opposition (FDP, Grüne) hat scharfe Kritik an Horst Seehofer (CSU) geübt (Markus Balser, SZ 29.5.20).

2866: Was Deutschland in Europa tun muss

Donnerstag, Mai 28th, 2020

Marcel Fratzscher ist Direktor des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und lehrt Makroökonomie an der Humboldt-Universität Berlin. Er macht Vorschläge, was Deutschland in Europa ökonomisch tun muss (taz 23./24.5.20). Ich fasse seine Argumente in 10 Punkten zusammen:

1. Nach der Wiedervereinigung, der EU-Osterweiterung, der Umsetzung der Wirtschafts- und Währungsunion schien Europa auf gutem Wege. Dem machte die globale Finanzkrise 2008 ein Ende.

2. Sie führte zu einer tiefen Nord-Süd-Spaltung. Dem folgte die Flüchtlingskrise 2015 und das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU 2020.

3. Auf Grund der Spaltung Europas sind viele Bürger skeptisch gegenüber den europäischen Institutionen, manche sogar feindselig gegenüber ihren Nachbarn.

4. Nationalismus und Protektionismus greifen um sich.

5. Deutschland hat bei der Energie-, Klima- und Flüchtlingspolitik Alleingänge unternommen.

6. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank (EZB) befördert eine nationale Geldpolitik.

7. Der Vorschlag Frankreichs und Deutschlands für einen 500 Milliarden Euro schweren europäischen Aufbaufonds geht in die richtige Richtung.

8. Die Hälfte der deutschen Wirtschaftsleistung sind Exporte. Die Hälfte der Exporte gehen in die Länder Europas.

9. Auch infolgedessen kann Deutschland den Wettbewerb mit China und den USA nicht allein bestehen, sondern braucht die Hilfe seiner europäischen Nachbarn.

10. Der Erfolg der deutschen Wirtschaft hängt von offenen Grenzen, fairem Wettbewerb und robuster Globalisierung ab.

 

2865: Unterläuft unsere Sprechweise den Gender-Fortschritt ?

Mittwoch, Mai 27th, 2020

Aufgeklärte Menschen wissen seit eh und je, dass unsere Sprache sehr wichtig ist. Aber nicht nur ihr Stil und ihr Inhalt, sondern gerade unsere Sprechweise selbst. Es ist bekannt, dass es viele befremdete, wenn Elias Canetti über seine Romane mit seiner

dünnen Fistelstimme

sprach oder aus ihnen las. Eigentlich waren Frauen und Männer dabei, sich stimmlich anzunähern. „In Ländern, in denen die Emanzipation besonders weit fortgeschritten ist, zum Beispiel in Skandinavien, sprechen Frauen besonders tief.“ (Darüber schreibt Martin Hecht in der „Zeit“ vom 14.5.20.)

Nun bekommen wir es mit einer Gegenbewegung zu tun. Sie interessiert sich nicht für Politik oder Schönheit, sondern stammt aus der Werbung. Und da zählen nur verkaufte Produkte und Dienstleistungen oder Wählerstimmen. Quietschende weibliche Stimmen klingen für viele emotional und erotisch. Das männliche Pendant dazu kommt möglichst tief und kernig daher. Anscheinend kann Werbung (auch in den Medien) so erfolgreich sein. Die so inszenierte Sprache zeigt „die Sehnsucht nach der traditionellen binären Ordnung zwischen den Geschlechtern, dem starken, kraftvollen und auch stimmlich markanten Mannsbild und dem süßen, schutzbedürftigen Weibchen“. Dahinter steht ein Frauenbild, „das Frauen als Mädchen präsentiert, die süß, goldig und ungefährlich sind – und als Gegenpart einen Retter und Helden brauchen“.

Sprachwissenschaftler beobachten einen Trend zu mehr infantil-weiblicher Piepsigkeit und männlichem Brummsprech in Nachmittagsserien, im Spielfilm, in Videospielen und in der Werbung. Das geht in eine Richtung, „in der Frauen wieder sexy-feminin rüberkommen wollen, während die klassische Virilität von den männlichen Sprechern wiederentdeckt wird“. In der Synchronisation kommen beim Eindeutschen von Serien und Spielfilmen statt Profis alter Schule vermehrt Akteure zum Einsatz, die das Sprechen in Crashkursen gelernt haben. „Ausgebildete Stimmen“ gelten zunehmend als zu glatt und distanziert. Es setzt sich allmählich die Sprechweise durch, in der verkauft und aufgeschwatzt wird.

Früher waren die Chefrhetoriker Priester und Pastoren. Sie waren von der Kanzel zu hören. Ihnen folgte das Sprechtraining in Schauspielschulen. Heute (ungefähr seit den sechziger Jahren) tritt mehr „Launigkeit“ in den Vordergrund, mehr die Persönlichkeit des Akteurs. Wahrscheinlich manifestiert sich im medialen Sprechen eine regelrechte Geschlechter-Restauration. „Im Buhlen um die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts inszenieren die Teilnehmer vermehrt Weiblichkeit oder Männlichkeit. Und dann piepst und brummt es eben wie in der Fernsehwerbung.“

Falls es stimmt, dass die Gegenbewegung in der Sprechweise eher unserer unbewussten Triebstruktur entspricht, dann hat das gender-bezogene Modernisieren kaum eine Chance. Wäre das schlimm?

2864: Sie war „Solo Sunny“.

Mittwoch, Mai 27th, 2020

Die 1945 in Osterode im Harz geborene Schauspielerin Renate Krößner ist gestorben. Sie spielte in Konrad Wolfs „Solo Sunny“ (1980), einem der großen Erfolge des DDR-Films, und gewann dafür den Silbernen Bären. Der Film missfiel der DDR-Kultusbürokratie. Renate Krößner bekam keine Rollen mehr. 1985 ging sie in den Westen. Hier setzte sie ihre Karriere in „Liebling Kreuzberg“ und im „Tatort“ fort (SZ 27.5.20).

2863: Die Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik Deutschland

Mittwoch, Mai 27th, 2020

Die Presse- und Meinungsfreiheit sind stets umstritten. Besonders in Krisensituationen. Dazu hat der ehemalige SZ-Redakteur Tanjev Schultz einen Band herausgegeben:

Was darf man sagen? Meinungsfreiheit im Zeitalter des Populismus. Stuttgart (Kohlhammer) 2020, 176 S., 17 Euro.

Die juristischen, philosophischen und sozialwissenschaftlichen Beiträge stammen von Marie-Luisa Frick, Tobias Gostomzyk, Claudia Kornmeier, David Lanius und dem Herausgeber. Ergebnis: Die Meinungsfreiheit ist in der Bundesrepublik juristisch vergleichsweise gut geschützt. Doch das Meinungsklima und die Debattenkultur könnten besser sein. Und die Regulierung des Internets wirft neue Fragen auf (SZ 27.5.20).