Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

3592: Elke Heidenreich hat sich’s mit einigen Feministinnen verdorben.

Freitag, Oktober 15th, 2021

Sarah Lee-Heinrich, 20, ist kürzlich zur Sprecherin der Grünen Jugend gewählt worden. Ihr Vater war ein Schwarzer. Im Alter von 14 Jahren, also als Kind, hat Heinrich im Netz einige törichte Bemerkungen gemacht. Die sind heute nicht mehr von Belang (insbesondere nicht bei jenen, die – wie ich – das Wahlalter nicht auf 12 senken wollen), führen aber dazu, dass sie Morddrohungen bekommt. Das ist ganz und gar falsch.

Elke Heidenreich, 79, ist Schriftstellerin und Literaturkritikerin. Sie hat im Fernsehen häufig kundig über Literatur gesprochen, auch den westdeutschen Biedersinn verspottet. Sie kennt sich sogar im Sport aus. Bei Markus Lanz hat sie nun Sarah-Lee Heinrich bescheinigt, sie „könne gar nicht sprechen“. „Sie hat gar keine Sprache.“ Danach hat Heidenreich eine Wutrede auf die Gesellschaft gehalten, in der sie fragte, warum sie eine Schwarze nicht fragen dürfe, woher sie komme, man sehe doch, dass sie nicht aus Wanne-Eickel oder Wuppertal stamme.

Das hat als Feministin vom Dienst Constanze von Bullion auf den Plan gerufen (SZ 15.10.21). Sie schilt Elke Heidenreich. Und sie teilt uns mit, „dass Deutschsein, Sprache und Zugehörigkeit, auch akademische Satisfaktionsfähigkeit, nicht durch Haut- und Haarfarbe erkennbar sind“. Aha.

Elke Heidenreich habe sich des „Otherings“ schuldig gemacht.

Ich verstehe Elke Heidenreich sehr gut.

3591: Gauweiler-Kanzlei versorgte Klienten mit Insiderwissen.

Donnerstag, Oktober 14th, 2021

Zu den CSU-Abgeordneten, die Mandat und Geschäft miteinander verquicken, scheint auch der ehemalige CSU-Bundestagsabgeordnete

Peter Gauweiler

zu gehören. Er ist heute Kanzleipartner von

Alfred Sauter (CSU),

der in der Maskenaffäre beschuldigt wird. Es gibt mindestens einen Fall aus dem Jahr 2012, wo Klienten von der Gauweiler-Kanzlei mit Insiderwissen versorgt wurden. Es ging um das Jahressteuergesetz 2013. Dafür interessierte sich auch der Frankfurter

Steueranwalt Hanno Berger,

der wohl selbst betroffen war. Damit wird sich womöglich ein Untersuchungsausschuß im bayerischen Landtag beschäftigen. Außer Alfred Sauter (CSU) wird auch der ehemalige CSU-Bundestagsabgeordnete

Georg Nüßlein (CSU)

in der Maskenaffäre beschuldigt. Sauter und Nüßlein haben für die Vermittlung von Corona-Schutzmasken hohe Honorare kassiert. Der Untersuchungsausschuß soll auch den millionenschweren Verkauf von Corona-Schutzkleidung des Schweizer Unternehmens Emix an Gesundheitsministerien in Bayern, in Nordrhein-Westfalen und im Bund überprüfen (Klaus Ott, SZ 14.10.21).

3590: Youtube sperrt zwei Videos.

Mittwoch, Oktober 13th, 2021

Wenn Schauspieler hanebüchenen Unsinn verzapfen, stört uns das kaum, weil es ja Schauspieler sind. Youtube hat jetzt zwei Videos der Initiative #allesaufidentisch, der Nachfolgeinitiative von #allesdichtmachen, gesperrt, weil sie gegen Richtlinien zu medizinischen Fehlinformationen verstießen. U.a. hatte dort der

Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther

behauptet, weil auch Geimpfte das Coronavirus weiterverbreiten könnten, „nützt Ihnen die Impfung nichts.“ „Sie können sich nur davor schützen, dass Sie auf der Intensivstation landen.“ Das halten viele Corona-Experten für „hanebüchenen Unsinn“. #allesaufidentisch hält die Löschungen unter Berufung auf die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit für rechtswidrig. Deren Anwalt, Joachim Steinhöfel, gelangt in einem Gespräch mit einem Schauspieler zu dem Schluss, Deutschland betreibe „digitale Massenvernichtung freier Rede“.

Dagegen wendet sich der „Deutsche Journalisten-Verband“ (DJV), er hält das für Panikmache. „Anders als in Ländern, in denen die Presse- und Meinungsfreiheit tatsächlicujh bedroht ist, verfolgt sie hierzulande niemand dafür. Niemand verhaftet oder bedroht sie, niemand verbietet es – offensichtlich nicht mal der gesunde Menschenverstand.“

Die Verschwörungserzählungen lauten, die Impfung wirke nicht zuverlässig. Die Pharmabranche kaufe Studien. Gewarnt wird vor der

Abschaffung des Bargelds,

ein klassisch antisemitisches Narrativ. Die Faktenchecker seien „Propagandamaschinen, die sich als Journalismus verkleiden“. Wissenschaftler wie Christian Drosten und Ugur Sahin oder Politiker wie Jens Spahn (CDU) oder Karl Lauterbach (SPD) wollen mit #allesaufidentisch nichts zu tun haben (Simon Hurtz, SZ 12.10.21).

3589: AfD verliert und rückt nach rechts.

Dienstag, Oktober 12th, 2021

Bei der Bundestagswahl hat die AfD im Bund ein Fünftel (20 Prozent) ihrer Wähler verloren. Im Osten (Sachsen 10, Thüringen 4, Sachsen-Anhalt 2) dagegen 16 Direktmandate und die Mehrheit in Sachsen und Thüringen gewonnen. Die Ossis sind noch nicht so weit. Jörg Meuthen kandidiert im November nicht wieder für den Vorsitz. Er hat Angst vor einer Niederlage. Galt ja zuletzt als „Gemäßigter“. Noch am Wahlabend traten massive Differenzen zu den Spitzenkandidaten Tino Chrupalla und Alice Weidel zutage. Die wollten sich ihr Ergebnis nicht schlechtreden lassen. Meuthen war analytisch und scharf. „Man wusste bei diesem Vorsitzenden nie ganz genau, was Überzeugung und eher Opportunismus war.“ Er sprach vom „links-rot-grün-versifften 68-Deutschland“, also von mir und von uns. Im Vorstandskreis war er eher isoliert. Das ist bei der AfD ja nach Erfahrungen der letzten Jahre nichts Neues. Die „Gemäßigten“ stehen auf verlorenem Posten (Jens Schneider, SZ 12.10.21; Philipp Saul, SZ 12.10.21).

3585: NS-Prozesse gegen Hundertjährige ?

Freitag, Oktober 8th, 2021

Die deutsche Justiz stellt eine 96-jährige Frau vor Gericht. Als Sekretärin des Lagerkommandanten von Stutthof ist sie der Beihilfe zum Mord in 11.412 Fällen angeklagt. Sie war zwischendurch aus dem Pflegeheim geflohen, um sich der Verurteilung zu entziehen. Die Polizei hat sie festgesetzt. Ein Hundertjähriger, der dem SS-Wachbatallon des KZ Sachsenhausen angehört hatte, ist vor Gericht der Beihilfe zum Mord in 3.518 Fällen angeklagt.

Muss das wirklich sein?

Deutlich wird dadurch die groteske Verspätung der deutschen Justiz. Erst seit dem Urteil gegen John Demjanjuk vor zehn Jahren beschäftigt sich die Justiz wieder mit den kleinen Helfern beim Massenmord. Und Mord verjährt nicht. Insofern muss das sein, so fragwürdig es uns erscheint. Denn Schmerz ist aus den Jahren der Massenvernichtung genug übrig geblieben

auf Seiten der Opfer.

„Die Achtung der Hinterbliebenen gebietet, Schuld zu benennen und Verantwortung offenzulegen, solange es möglich ist.“ Wer wissentlich einen Mörder unterstützt, ist der Beihilfe zum Mord schuldig. 1963 verurteilte das Landgericht Bonn mehrere Täter des Vernichtungslagers Chelmno, Wachtposten, Fahrer, Bauleiter. Sie alle hatten für die Massenvernichtung gearbeitet. Danach wurden jahrelang alle Verfahren eingestellt. Das belegt das Versagen der Justiz. „Es darf keinen Schlussstrich für die Verfolgung von NS-Tätern geben.“ Das Verbrechen war zu gewaltig und die Schuld zu groß.

1965 debattierte der Bundestag über die damals 20-jährige Verjährungsfrist. Der CDU-Politiker Ernst Benda, der spätere Präsident der Bundesverfassungsgerichts, argumentierte: Ja, wir stehen unter Druck, aber „keinem Druck des Auslands, sondern dem Druck der eigenen Überzeugung“. Die Frist wurde auf 30 Jahre verlängert, später ganz aufgehoben. Dass es nach so vielen Jahrzehnten dem Zufall überlassen ist, wer noch vor Gericht gestellt wird, nimmt diesen Verfahren nicht ihre Rechtsstaatlichkeit. „Gerichte können dies durch milde, symbolische Strafen kompensieren, und sie tun dies. Aber strafbares Unrecht aus Nazizeiten nicht mehr zu verfolgen, ist keine Option für Deutschland. Aus Respekt vor den Hinterbliebenen und aus Respekt vor sich selbst.“ (Wolfgang Janisch, SZ 8.10,21)

3583: Daniel Kehlmann über Donald Trump

Mittwoch, Oktober 6th, 2021

Der deutsche Schriftsteller Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“) lebt mit seiner Familie in Berlin. Er ist von Hannes Roß für den „Stern“ (9.9.2021) interviewt worden:

Stern: Sie sind nach einigen Jahren in den USA mit ihrer Familie nach Berlin gezogen. Während der Präsidentschaft von Donald Trump lebten Sie noch in New York. In dieser Zeit wurden ihm mehr als 22.000 Lügen und Falschbehauptungen nachgewiesen. Warum hat ihm das so wenig geschadet?

Kehlmann: Ich wünschte, ich könnte Ihnen das erklären, denn da sind ja nicht nur die Lügen seiner Präsidentschaft. Als Geschäftsmann ist er viermal in Konkurs gegangen, er ist ein überführter Steuerbetrüger und mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar ein Vergewaltiger. Auch der gewaltsame Sturm auf das Kapitol und das anschließende Impeachment-Verfahren hat er überstanden. Wäre ich religiös, würde ich wirklich glauben: Trump hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Er hätte dann seine Seele gegen Unbesiegbarkeit getauscht. Am Anfang seiner Präsidentschaft hatte ich noch die Hoffnung, dass uns ein Herzinfarkt von ihm befreit, weil der Mann ja nur Fast Food isst und Cola trinkt. Aber selbst eine Corona-Infektion hat er innerhalb von wenigen Tagen weggesteckt.

3578: Parag Khanna: Deutschland „Musterbeispiel für die Welt“

Donnerstag, September 30th, 2021

Der in Indien geborene, international tätige Politikberater Parag Khanna, 44, charakterisiert in einem Interview mit Moritz Baumstieger (SZ 24.9.21) Deutschlands Rolle in der Welt:

SZ: Was für ein Deutschland sehen Sie heute?

Khanna: Ein Musterbeispiel für die Welt. Deutschland ist eine hochdifferenzierte Demokratie, in der jedes Interesse vertreten ist, aber auch eine handlungsfähige Technokratie, die gut verwaltet. Ich bin kein Botschafter und auch kein Mitglied im Team Merkel. Aber als Globalisierungsexperte, Politikwissenschaftler, Reisender muss ich sagen: Es gibt keine Fragezeichen mehr, dass Deutschland eine Säule der Zivilisation ist.

SZ: Zuletzt waren die Selbstzweifel hier eher riesig, angesichts der schleppenden Antwort auf Corona.

Khanna: Überall auf der Welt kamen mit dem Virus Selbstzweifel. Doch wenn die Deutschen weniger fixiert auf sich selbst wären und mal einen Blick nach außen riskieren würden, wären sie viel zuversichtlicher.

SZ: Von dieser Unsicherheit profitiert bisher vor allem die AfD.

Khanna: 2016 hatten alle eine Riesenangst vor der Partei, heute kommt sie in keiner Koalitionsüberlegung vor. Populisten erledigen sich langfristig immer selbst.

3577: Bernard-Henri Lévy: Ein Lob der Bundestagswahl

Mittwoch, September 29th, 2021

Der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy, geb. 1943, lobt die deutsche Bundestagswahl von 2021. Er bemüht dazu Philosophie und Philosophiegeschichte und formuliert für manche von uns sehr gelehrt (SZ 29.9.21):

„Diese deutsche Wahl war eine ganz und gar außergewöhnliche Wahl. Da ist einmal die Wahlbeteiligung von mehr als 76 Prozent, die, auch dank der Briefwahl, die Lebendigkeit dieser Demokratie bezeugt. Es war eine Wahl, in der die radikale Linke nicht einmal die Fünf-Prozent-Hürde schaffte. In der die radikale Rechte immer noch zu stark ist, aber doch viel schwächer als in meinem Land. Obendrein wird die radikale Rechte durch den cordon sanitaire ausgegrenzt, eine Art Hygieneabstand, den die beiden großen Parteien, ohne viel Aufhebens darum zu machen, um diese AfD gezogen haben.“

„Aber anders als bei uns in Frankreich waren in Deutschland weder der Islam noch die Zuwanderung ein Thema.“

„Sie (Angela Merkel, W.S.) wird zum Symbol eines anderen Deutschlands. Ihr Leben beginnt wie das einer Protagonistin von Herta Müller, mutiert dann zu einer Geschichte von der eisernen Erbin eines Dietrich Bonhoeffer und Martin Niemöller. Was für eine Metamorphose der stets unterschätzten Frau, die ‚das Mädchen‘ genannt wird und dann mit der Effizienz eines Macchiavelli, der Coolness eines Brutus und der strategischen Finesse eines Cassius den von seiner eigenen Autorität berauschten Riesen Helmut Kohl zu Fall bringt. Die dann noch Gerhard Schröder außer Gefecht setzt, der, bevor er sich an Putin verkaufte, den Fehler begangen hatte, auf sie herabzublicken.“

„Die Dämonen des Extremismus, des Hasses und der Fremdenfeindlichkeit fanden bei dieser deutschen Wahl – nehmt alles nur in allem – wirksame Blitzableiter. Heute kann man feststellen: Das Land der Frankfurter Schule und des Verfassungspatriotismus, die kulturelle Heimat von Kant und des kategorischen Imperativs, jene von Hölderlin und seiner Wanderer, die ihr Nationalbewusstsein in der Dialektik mit dem Fremden ausbilden, das Land von Nietzsche und seinem Horror vor jeder bigotten Selbstzufriedenheit – dieses Deutschland erteilt der Welt, insbesondere Frankreich, eine schöne Lehrstunde in Demokratie. Danke, Deutschland.“

3576: Der Fall Woelki: ein Schlag ins Gesicht der Opfer !

Dienstag, September 28th, 2021

Auf Weisung des Papstes darf der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, im Amt bleiben. Er will eine mehrmonatige Auszeit „bis zum Beginn der österlichen Bußzeit“ einlegen. Kommt dann ein gesichtswahrender Rückzug? Woelki ist dafür verantwortlich, dass die Aufarbeitung des massiven sexuellen Missbrauchs scheiterte. Er gab „Aufklärungsaufträge“ und verwarf sie wieder, wenn sie ihm nicht passten. Den Betroffenenbeirat überrumpelte und betrog er. Betroffen ist ebenfalls der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, der zur Zeit des Missbrauchs Personalverantwortlicher der Erzdiözese Köln gewesen war. Der habe aber nicht absichtlich vertuscht, meinte der Papst. Dass die katholischen Laien seit langem über eine Vertrauenskrise in der Kirche klagen, war anscheinend nicht so wichtig. „So wird aus der Kirche eine Institution des Glaubens, der keiner mehr glaubt.“ (Annette Zoch, SZ 25./26.9.21)

3575: Enteignung in Berlin ?

Dienstag, September 28th, 2021

56,4 Prozent der Berliner haben per Volksentscheid dafür gestimmt, Wohnungsunternehmen gegen eine angemessene Entschädigung zu enteignen (ich persönlich halte nichts von Enteignungen). Das ist weit mehr, als die Initiatoren des Entscheids zu hoffen gewagt hatten. 2017 hatten die Berliner auch per Volksentscheid mit 57 Prozent bestimmt, dass der Flughafen Tegel offen gehalten werden müsse. Der Senat hat sich daran nicht gehalten. Wohnen ist aber das politische Thema vor Sicherheit im Straßenverkehr und Verkehrswende. Hier wirkt der Berliner Senat (SPD, Linke, Grüne) schwach.

Franziska Giffey, die trotz Verlusten knapp die Wahl gewonnen hat (21,4 Prozent), neigt zu einer Koalition mit CDU und FDP. Dann wird es nichts mit der Enteigung. Mehrheitlich herrscht im Grunde keine Wechselstimmung in Berlin. SPD, Linke und Grüne könnten gemeinsam weiterregieren. Die zusätzlichen Stimmen für die Grünen kompensieren die geringen Verluste der Linken bei weitem. Dadurch wird Frau Giffey zum Umdenken veranlasst (Jan Heidtmann, SZ 28.9.21).