Archive for the ‘Uncategorized’ Category

3309: Ostdeutsche lesen kaum überregionale Tageszeitungen.

Freitag, März 12th, 2021

Nach den Ergebnissen einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung lesen Ostdeutsche kaum überregionale Tageszeitungen. Produziert werden diese Blätter auch im Westen. Von der SZ werden 2,5 Prozent der Gesamtauflage im Osten verkauft (FAZ: 3,4; Spiegel 4,0; Zeit 6,0). 1989/90 waren 130 neue Blätter in Ostdeutschland auf den Markt gekommen. Sie konnten sich nicht halten. Die Berichterstattung fand mit westdeutschem Blick statt. Ist das verwunderlich?

Bis auf den heutigen Tag fühlen sich Westdeutsche als Teilnehmer des Diskurses, Ostdeutsche nicht. Deutschland ist tief gespalten. Das schlägt sich im unterschiedlichen Wahlverhalten nieder. 2021 haben wir sechs Landtagswahlen und eine Bundestagswahl. Wir registrieren verstetigte (Ost-)Identitäten bei Jüngeren und ein selbstbewussteres Auftreten der Ostdeutschen. Wenn es knapp wird, könnten die Minderheiten im Osten den Ausschlag geben (Cerstin Gammelin, SZ 13.3.21).

3211: 1700 Jahre Juden in Deutschland

Montag, Januar 4th, 2021

Im Jahr 2021 werden in Deutschland 1700 Jahre deutsch-jüdischen Lebens offiziell gefeiert. 321 n.C. hatte der römische Kaiser Konstantin der Große in einem Dekret erstmals die Berufung von Juden in den Kölner Stadtrat genehmigt. Auch vorher schon gab es Juden in Deutschland. Sie breiteten sich insbesondere nach der Zerstörung des Zweiten Tempels 70 n.C. durch Rom mit dem Imperium Romanum aus. Willkommen waren sie selten. Aber sie konnten lesen und schreiben und waren im Geld- und Fernhandel engagiert. Gebraucht wurden sie wegen ihres Know Hows. Zur Liquidierung von Juden kam es in der Spätantike und im Frühmittelalter so gut wie nie.

Das änderte sich im 11. Jahrhundert, als die Nicht-Juden  auch im damals islamischen Spanien in lukrative Geschäfte einsteigen und ihre Schulden loswerden wollten. Auch der Erste Kreuzzug (1096-1099) war partiell so motiviert. Die Heimat sollte judenrein und schuldenfrei werden. Es kam zu Massakern in Deutschland, Frankreich, Flandern und England. In deutschen Kirchen war das obszöne Motiv der „Judensau“ beliebt. Interessant ist die Soziologie des Antijudaismus. Die Unter- und Mittelschichten waren antisemitisch. Die Oberschichten pflegten aus ökonomischer Vernunft eine andere Einstellung zu Juden. Wenn sich die unteren Schichten gegen die Obrigkeit durchsetzen konnten, drohte den Juden in der Regel mörderische Gefahr. Für die Juden bedeutete die Obrigkeit regelmäßig Schutz vor Liquidierung.

Mit der Pest ab dem 14. Jahrhundert kam es in 1492 in Spanien, 1497 in Portugal und 1519 in Regensburg zu Judenvertreibungen. Erst nach dem dreißigjährigen Krieg (1618-1648) kamen wieder Juden ins Land. 1671 holte der Große Kurfürst aus wirtschaftlichen Gründen Juden nach Brandenburg, 1685 Hugenotten. Er brauchte Unternehmer. Im 19. Jahrhundert waren Juden in hervorragender Weise an der industriellen Modernisierung in Deutschland beteiligt. Das war den hasserfüllten Antisemiten unter den Deutschnationalen (DNVP) und den Nationalsozialisten (NSDAP) gleichgültig. Letztere verübten den sechsmillionenfachen Holocaust. Sie kamen wegen des Eingreifens der Alliierten im Zweiten Weltkrieg nicht ganz zum Ziel. Nach der Wiedervereinigung 1990 holte Bundeskanzler Helmut Kohl 200.000 Juden aus der Sowjetunion nach Deutschland. Ohne sie wäre das Judentum hier ausgestorben. Es gilt vielen Rechtspopulisten, „Reichsbürgern“ und Rechtsextremisten als „fünfte Kolonne Israels“ und Feind. Zu ihrem Glück haben die Juden heute Israel (Michael Wolffsohn, Die Welt 2.1.2001).

3034: Autoren gegen Navid Kermani

Samstag, September 12th, 2020

Die von Navid Kermani auf dem Literaturfestival Harbour Front gescholtenen Autoren, deren Namen Kermani angeblich nicht wusste, verwahren sich gegen seine Vorwürfe. Sie hatten sich geweigert mit der Kabarettistin Lisa Eckhart gemeinsam aufzutreten. Kermani: „Ihre Weigerung, mit Frau Eckhart auf einer Bühne zu stehen, gilt nicht dieser oder jener Aussage, sie gilt nicht der Kabarettistin, sie gilt dem Menschen, den sie für verächtlich erklären.“

Jetzt melden sich die Autoren, Benjamin Quaderer („Für immer die Alpen“) und Sebastian Stuertz („Das eiserne Herz des Charlie Berg“) zu Wort. Quaderer erklärt, dass er kein Teil von Eckharts Auftritt sein wollte. Stuertz schreibt: „Ich habe sie weder ‚zur Unperson erklärt‘, noch habe ich verlangt, dass sie ausgeladen wird – ich habe mich lediglich darüber gewundert, dass sie eingeladen wurde.“ (MASC, SZ 12./13.9.20)

2350: Nolde-Dämmerung

Donnerstag, April 18th, 2019

Als kürzlich zwei Gemälde (Leihgaben) von Emil Nolde (1867-1956) im Bundeskanzleramt abgehängt wurden, deutete sich bereits an, was jetzt in der Ausstellung der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof in Berlin bewiesen wird. Emil Nolde ist nicht länger PC. Er war Nationalsozialist und ein glühender, hasserfüllter Antisemit. Nicht alles davon ist ganz neu, beruht aber auf einem sechsjährigen Forschungsprojekt. Durchgeführt haben es Bernhard Fulda (Oxford) und Aya Soika (Berlin). Unterstützt wurden sie dabei vom Direktor der Ada-und-Emil-Nolde-Stiftung Seebüll, Christian Ring, der seit 2013 im Amt ist. Er hat die Vertuschungspolitik der Stiftung konsequent beendet. Legende sind das „Malverbot“ Noldes und das Narrativ von den „ungemalten Bildern“. Die Legende wurde seit 1946 von Emil Nolde selbst ins Leben gerufen, auch mit der Gründung seiner Stiftung. Die Tatsache, dass fast 50 seiner Gemälde in der Nazi-Ausstellung über „Entartete Kunst“ (seit 1937) hingen, hat er geschickt dazu benutzt, eine Existenz in der „inneren Emigration“ zu behaupten. Zur Befestigung dieser Legendenbildung hat nicht zuletzt Siegfried Lenz‘ Roman „Deutschstunde“ (1967), ein Bestseller, beigetragen.

Ich hatte Emil Nolde im Kunstunterricht kennengelernt. Und ich war – verständlicherweise – äußerst angetan von der Leuchtkraft seiner Farben und der Wildheit seiner Motive. Er war ja nicht auf die Nordsee, Wolken, Häuser und Wiesen hinter dem Deich beschränkt. Eine dunkle Pracht herrschte in seinen Landschaften, wie Andreas Kilb richtig schreibt. Heile Welt habe ich seinerzeit nirgends entdeckt. Mit meiner Frau war ich noch in diesem Jahrtausend mehrfach in Nolde-Sonderausstellungen in der Berliner Jägerstraße am Gendarmenmarkt, die von der Nolde-Stiftung veranstaltet wurden. Und da war ich nicht weniger begeistert als zur Schulzeit. So ist es heute noch.

Der Expressionist Nolde steht für das „Starke, Herbe, Innige“ in der Kunst. Das „Süße der Sünde“ und „rundliche Formenschönheit“ gilt ihm als undeutsch und rassefremd. 1933 hat er dem „Führer“ einen „Entjudungsplan“ vorgelegt. Er wollte „der“ Künstler des Nationalsozialismus werden, woraus aber nichts wurde, weil seine Kunst dafür zu schroff und eigenständig war. Für seine Malerkollegen war Emil Nolde nie pflegeleicht. Die Zurückweisung einiger seiner Bilder führte 1909 zu seinem Auszug aus der Sezession. Hier begann sein lebenslanger Hass auf Max Liebermann. Nolde denunzierte Max Pechstein als „Juden“. Der Rassist Nolde wollte eine „reinliche Scheidung“ zwischen Juden und Germanen. Noch kurz vor Kriegsende 1945 hetzte er gegen „Bolschewismus, Judentum u. Plutokratismus“. Er sprach von „Malerjuden“.

1937 war er der am stärksten in der Ausstellung „Entartete Kunst“ vertretene Künstler. 1941 wurde er aus der Reichskammer für die bildende Kunst ausgeschlossen. Aber der „Meister von Seebüll“ kam nicht auf die Idee, sich den Nazis künstlerisch an den Hals zu werfen. Mit seiner Frau reiste er 1942 eigens nach Wien zum dortigen Reichsstatthalter Baldur von Schirach, um die Rücknahme des Ausschlusses zu erreichen. Vergeblich. Emil Nolde blieb der Großverdiener unter den deutschen Künstlern. Auch vor seiner Entnazifizierung 1946. Heute erscheint seine Kunst politisch derartig kontaminiert, dass sogar Meeres- und Gartenszenen nicht mehr zur staatlichen Repräsentation taugen.

1968 hatte der Kunsthistoriker Werner Haftmann (NSDAP-Mitglied seit 1937) das erste Standardwerk über Emil Nolde vorgelegt. Er war der wichtigste Berater Arnold Bodes bei den ersten drei Documentas in Kassel gewesen. Auf Bitten des seinerzeitigen Stiftungsvorstands Joachim von Lepel und wider besseres Wissen verschwieg Haftmann die Wahrheit über Noldes Hitler-Treue und seinen Judenhass. Er propagierte die Legende vom Künstler im Untergrund, der heimlich in der „Waschküche“ malte. Und Walter Jens, der seine eigene NSDAP-Mitgliedschaft systematisch verschwiegen hatte, betonte 1967 zum hundertsten Geburtstag von Emil Nolde, dass wir Noldes Werk „vor dem gefährlichen Zugriff der Eigen-Deutung“ schützen müssten, also den Künstler Nolde vor dem Menschen Nolde. Das mag nicht ganz falsch sein. Was wäre aus Nolde wohl geworden, wenn Adolf Hitler ihn gemocht hätte?

Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) verwandelte sein Bonner Büro mittels Leihgaben aus Seebüll in ein „Nolde-Zimmer“. Diese Tradition setzte Angela Merkel fort. Bis zu dem Tag, als die Kuratoren der Berliner Nolde-Ausstellung von ihr das Bild „Brecher“ ausleihen wollten, das in ihrem Arbeitszimmer hing. Mit der folgenden Nolde-Ächtung des Kanzleramts durch die Abhängung eines weiteren Bildes ist nun der Moment eingetreten, wo wir einen Bildersturm erwarten dürfen. Soll ich nun „meinen Nolde“ nicht mehr gut finden dürfen?

Im Bundeskanzleramt wartet ein Stockwerk unter dem Kanzlerinnen-Büro

die nächste Herausforderung

auf uns. Dort hängt Ernst Ludwig Kirchners “ Sonntag der Bergbauern“. Dieser hatte am 25. Dezember 1933 einen Brief an seinen Bruder Ulrich geschrieben. Darin heißt es: „Vollständig falsch und unrecht ist die Bemerkung über jüdischen Einfluss auf meine Arbeit. Da der Jude doch in seiner Religion verboten bekommt, sich mit der Darstellung des Menschen zu befassen, hat er ja überhaupt keine Kunst und kann auch so nicht andere beeinflussen, außerdem weißt du ja, dass ich schon länger vor dem 3. Reich die ‚Brücke‘ gegründet hatte, mit der ich für eine echte deutsche Kunst gegen Kunsthandel und Überfremdung der deutschen Kunst 10 Jahre gekämpft habe.“

(Renate Meinhof, SZ 11.4.19; Till Briegleb, SZ 13./14.4.19; Andreas Kilb, FAZ 13.4.19)

1565: Max-Morlock-Stadion in Nürnberg

Montag, Mai 15th, 2017

Im Endspiel der Fußball-WM 1954 in Bern schoss Max Morlock (1. FC Nürnberg) ein Tor. Sehr wichtig. Er war ein technisch sehr versierter Halbrechter (heute: offensiver Mittelfeldspieler). Spielte zwischen dem Rechtsaußen Helmut Rahn (Rot-Weiß Essen) und dem Mittelstürmer Ottmar Walter (1. FC Kaiserslautern). Er gehörte damals in die erste Reihe unserer Fußballnationalspieler. Nun wird das Stadion des Traditionsvereins und Zweitligisten 1. FC Nürnberg in Max-Morlock-Stadion umbenannt (SZ 15.5.17).

1458: ZDF-Journalistin scheitert mit Gehaltsklage.

Sonntag, Februar 5th, 2017

Birte Meier ist seit Jahren freie Mitarbeiterin des ZDF. Im Gespräch mit einem Kollegen hatte sie erfahren, dass der bei vergleichbarer Tätigkeit netto mehr verdiente als sie brutto. Dagegen hat Frau Meier beim Berliner Arbeitsgericht geklagt. Sie hat nicht Recht bekommen. Für das Gericht hat Birte Meier nicht belegen können, dass sie auf Grund ihres Geschlechts diskrimiert wurde.

Bei der Urteilsfindung spielte das Beschäftigungsverhältnis eine Rolle. Meier ist freie Mitarbeiterin, für ihre soziale Absicherung ist sie damit selbst verantwortlich. Der Kollege ist fest angestellt. Birte Meier hatte vor Gericht geltend gemacht, dass sie die gleiche Arbeit verrichte wie der Kollege. Nach europäischem Recht müssen für die Entscheidung über Gleichbehandlung in Gehaltsfragen die reinen Tätigkeiten verglichen werden.

Das Berliner Gericht berief sich auf Formalien: Meier könne ihr Gehalt nicht mit dem eines festangestellten Kollegen vergleichen, weil sie nicht den gleichen Status habe. Das Gericht folgte auch der Argumentation des ZDF, wonach sich die Gehälter unter anderem nach dem Alter und der Dauer der Betriebszugehörigkeit richten. Der männliche Kollege war schon länger für den Sender tätig als Meier (Antonie Rietzschel, SZ 2.2.17).

Stellt das Urteil des Berliner Arbeitsgerichts uns zufrieden?

1162: Religionsfreiheit – eine wichtige Zumutung

Mittwoch, Februar 17th, 2016

Als der iranische Präsident Hassan Rohani kürzlich Rom besuchte, wurden für seinen Rundgang durch das Kapitolinische Museum Penisse und Brüste ausgestellter Figuren verborgen. Aber auch die „Venus Pudica“, die schamhafte Venus, die mit ihren Händen Brust und Vulva zu bedecken versucht. Der hohe Gast aus der persischen Theokratie sollte sich nicht provoziert fühlen. Ein lächerlicher Fehler der italienischen Gastgeber und ein typisches Missverständnis der

Religionsfreiheit.

Damit müssen wir uns anscheinend zunehmend befassen, wie Vorgänge aus der letzten Zeit belegen. Vgl. etwa

W.S.: Wieviel Meinungsfreiheit ist möglich? Über Mohammed-Karikaturen, Papst-Vorlesung, Idomeneo-Absetzung. In: Medienheft (Zürich), 17.3.2007, S. 1-8. Oder

W.S.: Warum die Religionsfreiheit das erste Menschenrecht ist – und warum die Meinungsfreiheit Demokratie konstituiert. In: Zeitschrift für Kommunikationsökologie und Medienethik 1/2007, S. 40-44.

Matthias Drobinski (SZ 6./7.2.16) ist ein kundiger Autor, der in der Lage ist, uns über dieses wichtige Thema aufzuklären. Es ist nämlich ein Irrtum vieler liberaler und religionsvergessener Kulturen anzunehmen, dass es dem gegenseitigen Verständnis dient, dass wir die Unterschiede verbergen, das Anstößige wegpacken und in glatter Ignoranz dem Streit aus dem Wege gehen. Denn gerade das Leugnen der Differenzen führt zu Unkenntnis, Angst und Vorurteil. Dagegen lebt eine ernsthafte Begegnung der Kulturen und Religionen aus der Zumutung.

„Die Religionsfreiheit ist das Menschenrecht der gegenseitigen Zumutung. Sie ist es gerade im Zeitalter des globalen Austausches und der weltweiten, auch religiös aufgeladenen Konflikte.“

Es ist viel bequemer, sich über die Gemeinsamkeiten von Religionen auszutauschen. Fundamentaler aber sind die Unterschiede und ihre Diskussion; denn daraus ergibt sich die Vielfalt.

„Für religiöse Menschen (und auch für die überzeugt atheistischen) hat der Andersgläubige, Andersdenkende, Anderslebende zunächst einmal etwas Kränkendes: warum glauben nicht alle, wovon ich so tief überzeugt bin? … Der Rechtsstaat wiederum markiert die Grenzen der Zumutungen. Sie liegen dort, wo religiöse Vorstellungen mit Menschenrechten kollidieren, die Pluralität nicht akzeptieren, wo sie Hass auf Andersdenkende schüren.“

Christen, Juden und Konfessionslosen in Deutschland ist es zuzumuten, dass bei uns Moscheen gebaut werden, Frauen freiwillig ein Kopftuch tragen, dass es Lokale gibt ohne Alkohol etc. Moslems müssen akzeptieren, dass Freiheit für alle gilt, auch für Frauen, die nicht unter dem Patriarchat leben möchten, für Schwule, ja sogar für Religionskritiker. Etc.

Unsere Regeln müssen immer wieder im Streit ausgehandelt werden: „Darf eine Grundschullehrerin im Unterricht ein Kopftuch tragen? Darf man Tiere ohne Betäubung schächten? Wo verläuft die Grenze zwischen Religionskritik und Beleidigung? Welche Mitsprache sollen muslimische Verbände beim Religionsunterricht haben? Wo verläuft die Grenze zwischen arrangierter Hochzeit und Zwangsheirat?“

Es wäre falsch, die Zumutungen nur der Minderheit aufzuladen, damit die Mehrheit zumutungsfrei bleibt. Das wäre das Gegenteil von Religionsfreiheit. Es wäre aber auch falsch, nur die Minderheit zumutungsfrei zu halten, um sie zu schützen. Das wäre ein bestenfalls gut gemeinter Paternalismus, der die Begegnung auf Augenhöhe verhindert.

640: Moralische Entscheidungen sollten Menschen treffen.

Samstag, Juli 19th, 2014

Wien war in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts das Zentrum für Logik in der Welt. Denker wie Ludwig Wittgenstein, Kurt Goedel und Karl Raimund Popper prägten das Bild Wiens in der Logik. Heute ist die österreichische Hauptstadt wieder ein führender Standort der Logikforschung. Dort findet zur Zeit der „Vienna Summer of Logic“ mit 2.500 Teilnehmern aus aller Welt statt. Helmut Veith ist einer der Hauptorganisatoren. Ihn hat Christian Weber für die SZ interviewt (19./20.7.14)

SZ: Manche Computerwissenschaftler sagen, dass Roboter auch Emotionen erkennen und vielleicht auch äußern sollten, um effizient mit Menschen zu interagieren.

Veith: Ich weiß nicht, ob wir uns humanoide Computer wünschen sollen, die womöglich noch autonom entscheiden und als Chirurgen oder Soldaten agieren. Die künstliche Intelligenz sollte uns nur Werkzeuge liefern. Die großen Fragen, die ja immer auch moralische Komponenten haben, sollten wir Menschen entscheiden.

SZ: Lässt sich nicht auch Moral nach logischen Regeln in Computer und Roboter einbauen? Manche Computerwissenschaftler plädieren für Moralprogramme in Drohnen, weil sie sich an die Regeln besser halten als Menschen, die vielleicht gerade in Todesangst entscheiden müssen.

Veith: Schwierige Frage. Ja, eine Drohne läuft nicht Amok. Dennoch wäre es im eigentlichen Sinn des Wortes unmenschlich, Entscheidungen über Leben und Tod dem Computer zu überlassen. Es sei denn, zwei Drohnen erschießen sich gegenseitig, das wäre mir sympathisch – allerdings könnte man den Krieg dann gleich als Computersimulation führen. Aber im Ernst, ich halte es mit Robert Musil, der geschrieben hat, dass Moral die Seele durch Logik ersetzt. Was aber geschieht, wenn der Computer auf Situationen stößt, wo ihm eine logische Regel keine Antwort gibt? Und die Seele fehlt? Ich denke auch an jene berühmten Situationen im Kalten Krieg, wo jemand wie Stanislaw Petrow 1983 dann doch nicht auf den Knopf für die Atomraketen gedrückt hat, weil sein Instinkt nicht an den gegnerischen Angriff geglaubt hat, den ihm die Computer gemeldet hatten.

SZ: Brauchen wir also weiterhin so etwas wie Intuition?

Veith: Ganz sicher. Für existentielle Extremsituationen ebenso wie für die Schönheit mathematischer Formeln. Aber klar ist auch , dass die Informatik in den nächsten Jahrzehnten eine Schlüsselwissenschaft werden wird, die ganz neue philosophische, juristische und politische Fragen aufwirft. Der öffentliche Diskurs ist da noch nicht weit genug