Archive for the ‘Philosophie’ Category

3507: Rettet uns die Wissenschaft ?

Montag, Juli 26th, 2021

Den stärksten Hang zu Vereinfachungen und Verschwörungstheorien haben in der Regel diejenigen, die sich auf dem Feld der Wissenschaft nicht allzu viel zutrauen. Sie fühlen sich zurückgesetzt. Und das sind sie in gewisser Hinsicht ja auch. Der Gipfelpunkt dieser Frustration wird an vielen Stammtischen deutlich in dem Satz: „So einfach ist das.“

Seit der Aufklärung ist die Geschichte der westlichen Zivilisation eine Geschichte der Entzauberung. Der alten Autoritäten wie Staat, Kirche, Familie usw. Schließlich aber auch der neuen wie Sport und Medien. Und letztlich auch der Wissenschaft. „Vollzogen hat sich diese Entwicklung in einer Art paradoxem Effekt. Je mehr sich in den Debatten die Vertreter von liberaler Vernunft und Vernünftigkeit auf die Wissenschaft beriefen, um so schwächer schien der Abwehrzauber (etwa gegen Vorurteile, W.S.) zu wirken.“ (Jens-Christian Rabe, SZ 19.7.21).

In der letzten Zeit hatten wir offen wissenschaftsfeindliche Regierungen in den USA, Polen und Ungarn mit „mittelgroßen Lügen“ (Timothy Snyder). Es muss ein Abwehrkampf gegen die Spinner der Welt geführt werden. Die Skepsis gegenüber der Wissenschaft produziert diese selbst. Man denke nur an die „am Fließband produzierten, mit ein paar Tricks zu statistischer Signifikanz aufgeblasenen Studien“. Es lassen sich auf diese Weise Ergebnisse gewinnen, die schlichter Bullshit sind. Der Hauptgrund dafür ist enorme Publikationsdruck in der Wissenschaft.

„Nicht gerade weniges, was zu einer Zeit als unumstößlich wahr gilt, kann später vollkommen anders beurteilt werden. Wer oder was etwa im medizinischen Sinne für ‚verrückt‘ gilt, ist im Laufe der Geschichte extrem unterschiedlich gewesen. Dieser Blick lehrt eine Demut, die im hitzigen unmittelbaren Kampf gegen Spinner eher kontraintuitiv ist.“ Experimentalwissenschaften sind gar nicht auf unzweifelhafte und im Zweifel leider triviale Gewissheiten aus, sondern vielmehr auf Neuheiten, die naturgemäß vage, unsicher und widersprüchlich sind. Die Frage also, ob die Wissenschaft als Anker unserer Ordnung taugt, können wir nur mit

ja und nein

beantworten.

„Wissenschaft allerdings auch als soziale Methode zu begreifen, um unter der Bedingung zunehmender weltanschaulicher Pluralität kontrolliert skeptisch die Erkundung der kleinsten gemeinsamen Wirklichkeit zu wagen, ist nötiger denn je. Vielleicht ist es sogar unsere letzte Hoffnung.“

3506: Berlin – heute

Sonntag, Juli 25th, 2021

Till Briegleb charakterisiert das gegenwärtige Berlin (SZ 24./25.7.21), hauptsächlich im Vergleich mit Paris und London:

„Die internationale Anziehungskraft der deutschen Hauptstadt, die in der neuen Dauerausstellung ‚Berlin Global‘ im Humboldt-Forum auf 4.000 Quadratmetern thematisiert wird, lässt sich zwar sicherlich nicht nur dadurch bemessen, wie eine vibrierende Kunstelite sie wahrnimmt. Aber dieser Indikator verweist doch auf einen sehr realen sozio-ökonomischen Hintergrund, der die Stadt in die besondere Lage versetzt, Ort für Lebensträume zu bleiben. Bis heute hat Berlin der wirklich brutalen, profitgetriebenen Gentrifizierung widerstanden, die Städte wie London und Paris so hemmungslos gefördert haben, dass ihre Kernstädte für normale Lohnempfänger und -empfängerinnen unerschwinglich geworden sind. Und das gilt um so mehr für eine finanzschwache Klientel, die auf das Urbane als Urgrund aller Kulturentwicklung angewiesen ist, die Künstlerinnen und Künstler.“

„Mit dem Ergebnis, dass trotz aller sichtbaren Veränderungen durch Immobilienspekulation in nahezu allen zentrumsnahen Stadtteilen weiterhin eine relativ gemischte kulturelle und soziale Bewohnerschaft anzutreffen ist.“

„Aber selbst in neuen Hipster-Vierteln wie Mitte oder Prenzlauer Berg zeigt sich ein halbwegs befriedigendes Bild von Durchschnittsbevölkerung auf der Straße wie man es in

Paris im Marais oder im Londoner Soho

längst nicht mehr antrifft, jedenfalls wenn man die Touristen abzieht. Und diese moderate Dynamik der Segregation, also der Trennung von Reich und Arm in Zentrum und Randlage, lässt sich auch in Zahlen belegen. Im Ranking des deutschen Reichtums liegt das Bundesland Berlin nur auf Platz elf. Und auch beim Vergleich der Kaufkraft ist die Hauptstadt weit abgeschlagen. Selbst die Essener können sich mehr erlauben als die Berliner.“

„Und Berlin bietet genug Attraktionen, die nahezu umsonst sind, um ein erfülltes Leben auch ohne SUV und Schränke voller Sneakers zu führen.“

„Von 25 auf 35 Prozent stieg in den vergangenen zehn Jahren der Anteil jener Berliner, die innerhalb der letzten drei Generationen aus anderen Nationen gekommen sind. Beim Zuzug nach Berlin handelt es sich bei drei Vierteln der Menschen um Ausländer, die wegen eines Jobs in die Stadt gekommen sind.“

„Und die Stadt ist reichlich groß und vielfältig genug, um den unterschiedlichsten Lebensentwürfen ein Milieu zu bieten, in dem sie sich zu Hause fühlen. Damit erfüllt diese skurrile Hauptstadt tatsächlich die unterschiedlichsten Träume ihrer Bewohner zwischen Rausch, Trägheit, Radau und Gier. Globaler geht es eigentlich nicht.“

3505: Der Niedergang der SPD

Samstag, Juli 24th, 2021

In einer Fehleranalyse bemühen sich Peter Fahrenholz und Mike Szymanski in der SZ (24./25.7.21) zu ergründen, warum es den Niedergang der SPD gibt, der bei ihnen eher eine „Selbstzerstörung“ ist. Ich kürze:

1. Seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 hatte die SPD 13 Vorsitzende.

2. Nach dem Desaster bei der Europawahl 2019, bei die SPD 15,8 Prozent bekam, trat Andrea Nahles vom Vorsitz zurück. Sie war zermürbt von den inneren Konflikten in der Partei und von der persönlichen Illoyalität.

3. Zum neuen Führungsduo Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken sagt der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte: „Die machen Minderheitenpolitik, das ist Oppositionsgebaren.“

4. Bei der demokratischen Linken in Europa haben sich klassische Wählermilieus aufgelöst. Sie werden übertönt von individuellen Werten. Und Globalisierung, Digitalisierung und Umweltschutz überzeugen sie nicht.

5. Modernisierungsbejahenden Milieus stehen Modernisierungsskeptiker gegenüber.

6. In einem Vortrag im Seminar von Karl-Rudolf Korte hat Andrea Nahles konstatiert, dass in den Augen vieler Wähler die Partei  „oft zu weit links bei kulturellen Fragen und zu wenig klar und zu wenig engagiert bei ökonomischen Fragen“ sei.

7. SPD-Funktionäre vertreten zu oft andere Positionen als SPD-Kernwähler.

8. Die SPD kümmert sich zu wenig um die politikfernen Wählerschichten.

9. Die SPD-Bundestagsfraktion macht konkrete Politik und hat mit vielen Diskussionen in der Partei (Gendering, LGBTTI etc.) wenig zu tun.

10. De facto ist die „Ehe für alle“ für die SPD nicht so wichtig wie der Mindestlohn und die Rente mit 63.

11. Erfolge, welche die SPD in der konkreten Politik durchaus erzielt, werden von ihr nicht genug herausgestellt.

12. Die SPD in Bayern könnte den Weg vorzeichnen, den die Partei bald bundesweit nehmen wird. 2013 holte sie mit Christian Ude noch 20,6 Prozent, fünf Jahre später stürzte sie auf 9,7 Prozent ab. Demnächst könnte sie Probleme mit der Fünf-Prozent-Klausel bekommen. In Sachsen-Anhalt bekam die SPD 2021 8,4 Prozent.

13. Christian Ude ironisch dazu: „Die großen sozialen Fragen sind, ob der Kolumbusplatz weiter so heißen darf und ob die Kinder noch Indianer spielen dürfen.“

14. „Gerade die unteren Einkommensschichten warten auf ein neues Aufstiegsversprechen und nicht auf ihre moralische Abkanzelung.“

15. Der Vorsitzende Sigmar Gabriel wusste 2017 von Anfang an, dass Martin Schulz für einen Erfolg der falsche Kandidat war.

16. Saskia Esken und die Jusos setzen auf ein Linksbündnis mit Grünen und der Linkspartei. Karl-Rudolf Korte: „Das ist völlig unrealistisch.“

17. Viele in der SPD halten eine Deutschland-Koalition aus Union, SPD und FDP für abwegig. „Nur wenn wir uns abschaffen wollen, machen wir so etwas.“

18. Falls Olaf Scholz bei der Bundestagswahl am 26. September nicht erfolgreich genug ist, hält sich Manuela Schwesig schon als neue Parteivorsitzende bereit (vorausgesetzt sie gewinnt die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern).

3502: Israel als letzter Fall des Kolonialismus ?

Donnerstag, Juli 22nd, 2021

Wem bisher die Probleme von postkononialen Theoretikern wie A. Dirk Moses mit der Singularität des Holocaust noch nicht plausibel waren, dem schenkt Thomas E. Schmidt nun reinen Wein ein (Die Zeit 22.7.21). Ich fasse seine Argumente hier zusammen:

1. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden nicht (mit John Locke und Immanuel Kant) die Menschenrechte erklärt und begann das Zeitalter der Demokratie, sondern das der weißen Vorherrschaft.

2. Sie wurde durchgesetzt mit Hochsee-Seglern und Kanonen.

3. „Whiteness“ wurde die Lebensform der sozialen Unterschiede, des Eigentums, des Verbrauchs der natürlichen Ressourcen und der männlichen Gewalt.

4. Die Linke war die einzige dekolonialisierende Kraft. Sie wurde die einzige Gegenmacht zur „Whiteness“.

5. Deutschland begab sich nach 1945 auf den Weg nach Westen, in die „Whiteness“ hinein. Das war nur eine Etappe des Rassismus.

6. Seither stützt Deutschland die israelische Politik gegen die Palästinenser.

7. „Die meisten sind für Israel, aber gegen die dortige Behandlung der Palästinenser. Andererseits: Israel deswegen zu verdammen, ist das antirassistisch, antizionistisch, antjüdisch oder sogar antisemitisch?“

8. Nur Rechtsextreme fordern noch, dass Israel von der Landkarte verschwinden soll.

9. „So gesehen ereignet sich der aktuelle Ernstfall von ‚whiteness‘ in Israel.“

10. „Die jüdische Landnahme stellt .. den letzten großen Fall in der modernen Geschichte der Kolonisierung dar, Israel die derzeit skandalöseste Gestalt westlicher Nationalität im ‚rassistischen Jahrhundert‘ (Moses). Originär ist dann nicht die Schoah, sondern die Gründung des Judenstaates.“

Kommentar von Wilfried Scharf: Thomas E. Schmidt gelingt eine überzeugende Charakterisierung der Verirrungen der postkolonialen Theorie im Hinblick auf Israel. Die Merkelsche Politik, Israel zur deutschen Staatssouveränität zu zählen, ist richtig.

 

3501: Pandemie gefährdet das Kindeswohl.

Donnerstag, Juli 22nd, 2021

Das Statistische Bundesamt vermeldet bei 60.600 Kindern und Jugendlichen während der Pandemie eine Gefährdung des Kindeswohls. Neunzig Prozent mehr als 2019. Die Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbunds: „Wir haben das geahnt. Gerade in den Phasen der Schul- und Kitaschließungen, mit Homeschooling, Home-Office und teilweise beengten Wohnverhältnissen, war das Konfliktpersonal, das sich in Gewalt niederschlagen kann, groß.“ Manche negative Situation hatte sich verfestigt. Hauptsächlich geht es um Vernachlässigungen und seelische Misshandlungen. Körperliche Misshandlungen gab es in jedem vierten Fall, in fünf Prozent ging es um sexuelle Gewalt. Ein Drittel der gegebenen Hinweise erwies sich als unbegründet.

Die Kinderschutzkoordinatorin im Jugendamt Berlin-Mitte: „Kita und Schule sind häufig eine sehr große Entlastung für die Eltern, aber auch für die Kinder. … Es sind soziale Orte, an denen die Kinder gesehen werden. Und im Lockdown wurden sie eben auf einmal nicht gesehen.“ Belastend seien beengte Wohnverhältnisse. Die Familienhelferinnen hätten nicht nur telefonisch beraten, sondern etwa auch Spaziergänge mit den Familien unternommen. „Man sollte alles versuchen, dass Kinder in die Kita und Schule gehen können.“ (Henrike Rossbach, SZ 22.7.21)

3499: EU-Kommission stellt Polen Ultimatum.

Mittwoch, Juli 21st, 2021

Die EU-Kommission hat die polnische Regierung aufgefordert, bis zum 16. August zu bestätigen, dass sie die jüngsten Urteile des EuGH umsetzt. Sie betreffen die Disziplinarkammern, einen zentralen Bestandteil der Justizreform in Polen. „Die EU-Kommission wird nicht zögern, die Befugnisse einzusetzen, die ihr laut den EU-Verträgen zustehen.“ Weigert sich Polen, wird die Behörde beim EuGH tägliche Strafzahlungen beantragen. Der jährliche Rechtsstaatsbericht der EU stellte Polen und Ungarn ein schlechtes Zeugis aus. Kommissionsvizepräsidentin Vera Jourova zeigte sich über Berichte besorgt, wonach Journalisten bei der Arbeit behindert würden. „Dass in den vergangenen Monaten zwei Journalisten ermordet wurden, ist nicht akzeptabel.“ Jourova erinnerte damit an den Niederländer Peter de Vries und den Griechen Giorgos Karaivaz (Matthias Kolb, SZ 21.7.21; Cathrin Kahlweit, SZ 21.7.21).

3498: Kein Ehrengrab mehr für Oskar Loerke ?

Dienstag, Juli 20th, 2021

Der Berliner Senat befindet von Zeit zu Zeit über die Ehrengräber der Stadt. Frühestens fünf Jahre nach dem Tod und für zunächst zwanzig Jahre. Das zuständige Bezirksamt übernimmt dann die Kosten der Instandhaltung und Grabpflege. Wie im Juli 2021 im Fall des 1996 gestorbenen Rockmusikers Rio Reiser und des Filmkritikers Karsten Witte (1944-1995). Verlängert wurde u.a. das Ehrengrab für Bertolt Brecht.

Im Fall des Lyrikers Oskar Loerke (1884-1941) wurde das Ehrengrab nicht verlängert.

Das nimmt der Schriftsteller Lutz Seiler („Kruso“) zum Anlass für einen Brief an den Berliner Senat (SZ 20.7.21). Loerke werde der Ehre nicht für wert befunden, „da ein fortlebendes Andenken in der allgemeinen Öffentlichkeit nicht mehr erkennbar ist“. „Hier beginnt das Erschrecken: Wäre es eventuell möglich, mit dieser nicht näher spezifizierten Öffentlichkeit als Maß und im Grunde unwiderlegbarem Argument auch das Erinnern an die Geschichte der Dichtung und das Wirken ihrer Autoren insgesamt abzuschaffen? Bis auf Goethe vielleicht?“

Loerke wurde 1884 in Graudenz (Westpreußen) geboren und ging 1903 zum Studium nach Berlin. Das schloss er aber nicht ab und lebte als freier Schriftsteller. In 25 Jahren hatte er sieben umfangreiche Gedichtbücher vorgelegt. Er schrieb auch anderes und vor allem Tagebücher. Sie zeigen, was am Anfang des Nationalsozialismus „innere Emigration“ bedeutete. Mit 42 Jahren wird Loerke Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und zwei Jahre später Sekretär der „Sektion für Dichtkunst“. Bleibende Anerkennung erfährt Loerke von den Kollegen Günter Eich, Wilhelm Lehmann und Hermann Kasack. Vor allem aber von Paul Celan. In der ersten Ausgabe von Peter Huchels „Sinn und Form“ erschien 1949 ein Auszug von Loerkes Gedichten.

Nach der Machtergreifung der Nazis verlor Oskar Loerke seinen Sekretärsposten. Um eine Abmilderung bemüht, strebte er eine Verabschiedung aus gesundheitlichen Grünen an. Die Antwort: „Ärztliche Atteste? Die der Freunde, des Juden Plesch oder des Mitglieds Benn würden nicht genügen.“ Oskar Loerke blieb nichts anderes, als seine Abschau vor der „Gleichschaltung“ zu formulieren. Er sprach von „Schmach“, „Garaus“, „Ekel“ und von einer „Verzweiflung über das Teuflische“. „Ihr Herz ist Kot, verjaucht ihr Hirn,/Was hebt sich noch das Tagegestirn?“

Lutz Seiler: „Verehrte Bürgermeisterinnen und Bürgermeister von Berlin, verehrter Michael Müller! Obwohl nun auch ich mich zu jenen in der allgemeinen Öffentlichkeit nicht Erkennbaren zählen muss, noch dieses letzte öffentliche Wort: Für mich ist Loerkes Werk groß und wertvoll. Und ich bin nicht der einzige Schriftsteller, der auf diese Weise empfindet: Gern wäre ich bereit, Ihnen einen Überblick über die Loerke-Rezeption in der Gegenwartsliteratur zu skizzieren, um ihr Bildnis einer ‚allgemeinen Öffentlichkeit‘ ein wenig zu konkretisieren. Darüber hinaus bin ich sicher, dass es für Oskar Loerkes Bedeutung in der deutschen Literaturgeschichte nicht entscheidend ist, ob ihm von Ihnen die Ehre eines Ehrengrabs entzogen wird oder nicht – Ihrer Begründung dafür möchte ich hiermit widersprochen haben.“

 

3495: Jürgen Flimm 80

Montag, Juli 19th, 2021

Der in Köln aufgewachsene „Musensohn“ Jürgen Flimm, der 80 Jahre alt wird, hatte dort Soziologie, Theater- und Literaturwissenschaft studiert und an einer kleinen Schauspielschule seine Schauspielprüfung absolviert. 1978 wagte er in Frankfurt eine Operninszenierung. 1979 wurde er Intendant in Köln und leitete von 1985 bis 2000 das Thaliatheater in Hamburg. Dem bescherte er sensationell hohe Auslastungen und etablierte es durch einen intelligenten Spielplan und ein großartiges Ensemble als intellektuelles Zentrum der Stadt.

Jürgen Flimm hatte viele Probleme, die andere hatten, gar nicht. Er profitierte von seiner Ausgeglichenheit und seiner „rheinischen Frohnatur“. 2000 brachte er Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth heraus. Ab 2001 war er erst Schauspieldirektor, dann Intendant der Salzburger Festspiele. Er ist „ein hoch kompetenter, bestens vernetzter, alles gebender Liebhaber der schönen Künste freilich immer geblieben, was man auch daran sah, mit welchem Elan er sich seit 2010 seinem Amt als Intendant der Berliner Staatsoper widmete“ (Irene Bazinger, FAZ 17.7.21).

3493: Hoffnung auf ein besseres England

Freitag, Juli 16th, 2021

Die britische Schriftstellerin A.L. Kennedy hat schon mehrfach in der SZ die gesellschaftlichen Verhältnisse im United Kingdom kritisiert. Jetzt wieder am 16.7.2021. Sie ist dafür bekannt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Ich muss hier an manchen Stellen  kürzen:

1. Kennedy schätzt an England seinen Humor, seine Tapferkeit, die blühenden multikulturellen Städte, seine soziale Mobilität und seine Rechtsstaatlichkeit.

2. Nach 1945 waren symptomatisch die Berliner Luftbrücke, die Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, der Rock’n’Roll und die Wiederherstellung der Menschenrechte im Nachkriegseuropa.

3. Heute vermissen wir Leute, „die in einem vom Krieg verwüsteten Land Gleichberechtigung, Kooperation, Bildung und Gerechtigkeit gesetzlich verankerten“.

4. „Aber man schaue sich unseren Innenminister an, unsere Regierung, ihre Handlanger in der BBC, man schaue sich die kümmerlichen Reste unserer Infrastruktur an. Das alles gehört zu den restlichen 30 Prozent. Brexit, Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Transphobie, Islamophobie, Europhobie, Leugung des Klimawandels, Covid-Leugnung, Realitätsleugnung. Wenn man erst mal an eins davon glaubt, dann glaubt man bald alles davon.“

5. „Diejenigen, die die Meinung dieser 30 Prozent manipulieren, hoffen, dass der Prozentsatz steigen wird. Sie haben schon viele Siege errungen. Ihre antieuropäische Propaganda benötigte nur ein paar Jahre, um mit Hilfe von Vorurteilen und glatten Lügen das Desinteresse der Bevölkerung an Europa in Besessenheit zu verwandeln, die in ein manipuliertes Referendum mündete.“

6. „Die Wirklichkeit – eine Riesen-Menge von Covid-Geschädigten, eine immer kleiner werdende Anzahl Beschäftigter, die mehr Lohn fordern können, der Absturz in eine Instabilität, die ihre Anstifter zerstören könnte -, all das wird ignoriert. (Wichtig: die Realität muss stets ignoriert werden!)“

7. „Heute kommt diesen Leuten die Fadheit der öffentlich-rechtlichen Senderealtät entgegen.“

8. Für die meisten seiner Teilnehmer war der Erste Weltkrieg eine Katastrophe. „Doch die meisten von ihnen wurden mit Bier, dem Wahn weißer Dominanz und dem Fußball ruhiggestellt.“

9. „Jetzt, da unsere Supermarktregale sich leeren, die Klügsten auswandern, unsere Lehrer und Krankenschwestern kündigen, ausgerechnet jetzt wird unser öffentlicher Diskurs bestimmt von Werten des 18. Jahrhunderts und vom Fußball. Am vergangenen Sonntag verwüsteten rassistische Fans London, weitgehend unbehelligt durch dieselbe (institutionell rassistische) Polizei, die nichts dabei fand, auf friedliche ‚Black-Lives-Matter‘-Demonstranten einzuprügeln.“

10. Boris Johnsons Politik unterhöhlt das Demonstrationsrecht, die Entwicklungshilfe und jede Toleranz gegenüber Andersartigkeit.

11. „Er hatte gehofft, vom Ruhm eines englischen EM-Siegs profitieren zu können. Stattdessen setzten er und seine Lehnsherren die Niederlage mit Schwarzsein gleich.“

12. „Aber welches England, welches Großbritannien wird übrig bleiben? 70 Prozent von uns hoffen, dass es ein Land des Schenkens, der Geflüchteten, der kostenlosen Schulmahlzeiten sein wird, ein Land großer Songs und großer Spiele. Bald werden wir mehr tun müssen, als einfach nur darauf zu hoffen.“

3492: Arbeitgeber können Kopftuch verbieten.

Freitag, Juli 16th, 2021

Wie der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden hat, dürfen Arbeitgeber ihren Beschäftigten das Tragen von Kopftüchern und anderen religiösen Symbolen verbieten. Wenn damit im Verhältnis zu den Kunden eine Unternehmenspolitik strikter religiöser Neutralität zum Ausdruck gebracht werden soll. Es ging um zwei Fälle aus Deutschland. Nach dem EuGH ist aber nicht automatisch jedes religiöse Symbol verboten. Unternehmer müssen spürbare wirtschaftliche Nachteile nachweisen.

Der Arbeitsrechtsprofessor Gregor Thüsing (Bonn) dazu: „Den meisten Kunden wird es schlicht egal sein, ob in einer Kaffee-Kette Mitarbeiter mit oder ohne Kopftuch arbeiten.“ Im Fall von Kindertagesstätten ist der Wille der Eltern ausschlaggebend. Wenn sie nicht wollen, dass ihr Kind von einer religiösen Erziehern angeleitet wird, können sie das verhindern. „Eine Politik der Neutralität im Unternehmen kann aber nur dann wirksam verfolgt werden, wenn überhaupt keine Bekundungen politischer, weltanschaulicher oder religiöser Überzeugung erlaubt sind.“ Das gilt z.B. auch für kleine, offen getragene Kreuze (Wolfgang Janisch, SZ 16.6.21).