Archive for the ‘Philosophie’ Category

3925: Trump wollte den Putsch am 6.1.2021 .

Donnerstag, Juni 30th, 2022

_:Nur durch die mutige Aussage von Cassidy Hutchinson, der damaligen Assistentin von Donald Trumps Stabschef, wird nun vollends klar, dass Mr. Trump am 6.1.2021 beim Marsch auf’s Kapitol den Putsch wollte und die Wahl nicht anerkennen. Trump hat auch seine bewaffneten Anhänger zum Capitol geschickt. Er wollte seinen demokratischen Nachfolger verhindern. Nur durch die Weigerung vieler kleiner Funktionsträger konnte vermieden werden, dass Trump an der Macht blieb. Eine Untersuchung darüber ist wünschenswert. Sie wird wohl nicht kommen. Trump hatte gezielt Wahlbeamte eingeschüchtert. Bei der nächsten Wahl im Jahr 2024 muss es das Ziel sein, Trump zu verhindern. Er darf keine zweite Chance bekommen, die USA in ein Prumpistan zu verwandeln (Fabian Fellmann, SZ 30.6.22).

3924: Supreme Court entmündigt Frauen.

Mittwoch, Juni 29th, 2022

Der Supreme Court hat in der vergangenen Woche zwei Urteile publiziert. In beiden Fällen reichten sechs respektive fünf konservative Richter, von denen drei ihr Amt

Donald Trump

verdanken, um dem Land eine harte rechte Politik aufzuzwingen. Inhaltlich sind die Urteile verheerend. Nun: Schusswafen zu besitzen und zu tragen ist in den USA ein in der Verfassung verbrieftes Recht. Furchtbar.

Seit 1973 war in den USA Abtreibung ein unter bestimmten Bedingungen verbrieftes Recht. Damit ist es nun vorbei. Die Entscheidung darüber wurde an die einzelnen Staaten zurückverwiesen. Wo Republikaner regieren, ist Abtreibung künftig nicht mehr erlaubt.

Der Supreme Court hatte in der Vergangenheit durchaus progressive Urteile gefällt. 1954 gegen die Rassentrennung, 2015 für die Ehe von Homosexuellen.

„Der Supreme Court hat zig Millionen Frauen mit einem Federstrich entmündigt. Er hat ihnen das Recht und die Freiheit genommen, über ihren Körper, ihre Gesundheit, ihr Leben selbst zu bestimmen, und er bringt sie in Gefahr, wenn sie sich für eine unsichere, heimliche Abtreibung entscheiden.“

Das kommt dabei heraus, wenn man beschränkten Typen wie Trump oder bornierten Ideologen wie den Evangelikalen die Macht gibt. „Amerika hat vorige Woche ein großen Schritt zurück in eine repressive Vergangenheit gemacht.“ (Hubert Wetzel, SZ 27.6.22).

3923: Ernst Jacobi ist tot.

Mittwoch, Juni 29th, 2022

Er hat große Personen der Weltgeschichte verkörpert: Jakob Fugger, Emile Zola et alii. Trotzdem war seine gezähmte Bürgerlichkeit sein Markenzeichen. Vor allem auf dem Theater. Schon als Jugendlicher hatte Ernst Jacobi Sprechrollen beim RIAS übernommen. In seiner Karriere war er beim Schillertheater in Berlin, bei den Münchener Kammerspielen und beim Wiener Burgtheater. Und er war dabei in der Experimentierphase des Fernsehens. „Am Tag, als der Regen kam“ (1959), „Schwarzer Kies“ (1961), er spielte den Gauleiter in Volker Schlöndorffs „Die Blechtrommel“. In Jan Troells „Hamsun“ gab er den „Führer“ neben Max von Sydow als Hamsun. Vielleicht sein größter Erfolg: in „Deutschland, bleiche Mutter“ von Helma Sanders-Brahms (1980). Jacobis Markenzeichen war sein unverkennbare Stimme. Er stellte uns dar, dass nicht nur die Städte in Deutschland in Trümmern liegen, sondern auch das System der gesellschaftlichen Rollen. Den Höhepunkt erreichte Ernst Jacobi als Erzähler in Michael Hanekes „Das weiße Band“. Mehr geht nicht (Fritz Göttler, SZ 24.6.22).

3922: Linke vermeidet Absturz.

Dienstag, Juni 28th, 2022

Durch die Wahl von Janine Wissler und Martin Schirdewan hat die Linke den Absturz vermieden. Verloren hat Sahra Wagenknecht, deren Erkältung zur Nichtteilnahme nicht von allen ernst genommen worden ist. Partei-Opa Gregor Gysi hat vor einer „Neugründung“ gewarnt. Oskar lafontaine ist ja bereits ausgetreten. Da ist also schon einiges beiseitegeräumt.

Sahra Wagenknecht steht auf Seiten Wladimir Putins. Die Partei spricht von einem „verbrecherischen Angriffskrieg“ Russlands. Wagenknecht möchte den USA die Schuld für den Vernichtungskrieg in der Ukraine in die Schuhe schieben. Das kann nicht gelingen. Sie ist solidarisch mit den Fraktionsvorsitzenden Dietmar Bartsch und Mohamed Ali, welche die entschiedensten Gegner von Wissler und Schirdewan sind. „Es mag ja sein, dass die Linke, wie viele glauben, ohne Wagenknechts Strahlkraft für die Wähler noch unattraktiver würde. Doch wie bisher mit ihr kann es erst recht nicht weitergehen. Wenn sie die Erfurter Entscheidung nicht akzeptieren kann, sollte sie die Partei verlassen.“ (Jens Schneider, SZ 27.6.22; Boris Herrmann, SZ 27.6.22).

3921: Massenhaft Kirchenaustritte

Dienstag, Juni 28th, 2022

359.338 Menschen sind 2021 aus der katholischen Kirche ausgetreten. Wir nennen es den

Woelki-Effekt.

Spitzenreiter in der Austrittswelle ist das Erzbistum Köln. In der Kirche können sich die Reformer vom „Synodalen Weg“ nicht durchsetzen, vom Papst werden sie noch verhöhnt. Wir hätten doch schon eine funktionierende evangelische Kirche in Deutschland. Die evangelische Kirche hatte 2021 280.000 Austritte zu verzeichnen. Nicht einmal mehr die Hälfte der Bevölkerung gehört in Deutschland der katholischen oder einer der evangelischen Kirchen an. Typisch bei den Austritten der Katholiken ist es, dass nicht die ohnehin schon kirchenferne Menschen austreten, sondern gerade solche, die bisher in den Pfarreien sehr engagiert waren.

Die Kirche macht Vorschriften, belehrt und gängelt und hat anscheinend keine gute Beziehung zur Realität. Die Zahl der Pfarreien und der Priester verringert sich permanent. Das neueste Missbrauchsgutachten (im Erzbistum München und Freising) spricht von 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern. Es konnte bisher schon der Eindruck entstehen, dass viele kirchliche Funktionsträger dies Phänomen überhaupt nicht ernst nehmen. Die Integrationskraft der Kirche schwindet dadurch vehement. Eine noch weitergehende Radikalisierung sehen wir in den USA, wo einige katholische Bischöfe in einer unheilvollen Allianz mit fundamentalistischen Evangelikalen die gesellschaftliche Spaltung vorantreiben und Hass verkünden. Die frohe Botschaft scheint vergessen (Kassian Stroh, SZ 28.6.22; Annette Zoch, SZ 28.6.22).

3920: Olaf Scholz boykottiert Documenta.

Donnerstag, Juni 23rd, 2022

Bundeskanzler Olaf Scholz hält die Vorgänge um das Großbild „People’s Justice“ auf der Documenta in Kassel für „skandalös“. Er findet „die besagte Abbildung in Kassel abscheulich“. Er besucht die Ausstellung nicht und fordert stattdessen „Konsequenzen“. Das tut auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Gemeint sein kann damit nur die Documenta-Generalsekretärin Sabine Schormann. Das besagte antisemitische Bild war verspätet erst am Freitag aufgehängt worden. Am Montag wurde es verhüllt. Und Dienstagabend abgehängt. Das wurde höchste Zeit. Bei manchen der Verantwortlichen habe ich den Eindruck, dass sie noch nicht begriffen haben, was auf der Documenta angerichtet wurde. Unglaublich (jhl, SZ 23.6.22).

3918: Russlands verlogenes Selbstbild

Donnerstag, Juni 23rd, 2022

Der Journalist und Schriststeller Thomas Hüetlin schreibt über Russland (SZ 22.6.22):

„Russland ist eines der sozial ungleichsten Länder der Welt, die meisten Menschen leben in Armut, und im Gegensatz zu China ist es Putin nicht gelungen, eine nennenswerte moderne Industrie aufzubauen – jenseits jener Rohstoffe, die in einer klimaneutraleren Welt kaum noch Platz haben werden. Diese Unfähigkeit, für seine Bevölkerung eine lebenswerte Zukunft herbeizuführen, tarnen Putin und seine Günstlinge mit immer neuen Kriegen und verbalen Eskalationen. Der Westen als ’nuklearer Aschehaufen‘ ist eine ihrer Lieblingsmetaphern im Dauerbombardement der russischen Staatsmedien. Die unausgesprochene Losung lautet:

Du magst arm sein und krank und abgehängt von den Möglichkeiten des 21 . Jahrhunderts, aber du bist immer noch viel mehr wert als jene dekadenten, homosexuellen, frauenfreundlichen, verweichlichten Kreaturen des Westens.“

3917: Bund saniert marodes Bahnnetz.

Donnerstag, Juni 23rd, 2022

Der Bund saniert das marode Schienenetz der Bahn. Verantwortlich dafür sind Versager wie Hartmut Mehdorn. Die Arbeiten beginnen 2024. Bis 2030 soll so ein „Hochleistungsnetz“ entstehen. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) sagte am Mittwoch, ein besserer Schienenverkehr sei unerlässlich auch für die Klimaziele der Regierung. Die Finanzierung sei mit Finanzminister Christian Lindner (FDP) abgestimmt. Die Bahn kämpft seit langer Zeit mit massiver Unpünktlichkeit (MBAL, SZ 23.6.22).

3916: Nils Minkmar: Journalistenschule und -preis nicht nach Henri Nannen benennen !

Dienstag, Juni 21st, 2022

Den journalistisch Interessierten unter uns ist Henri Nannen seit langem bestens bekannt. Hermann Schreiber wählte für seine lesenswerte Biografie 1999 den Untertitel „Drei Leben“. Damit verwies er auf Nannens Karrieren als 1. Soldat und Nazi-Propagandaspezialist (in Italien), 2. Chefredakteur des „Sterns“ und links-liberalen Prominenten und 3. als Kunst-Mäzen (in Emden/Ostfriesland). Um den deutschen Journalismus nach 1945 hat Henri Nannen sich verdient gemacht.

Seine Nazi-Vergangenheit hat Henri Nannen spät, aber früher die meisten anderen, eingestanden und sich dafür geschämt. 1979 schrieb er: „Wer sich nicht die Augen und Ohren zuhielt und das Gehirn abschaltete, dem blieb nicht verborgen, dass hier das perfekte Verbrechen seinen Weg nahm. Wir hätten es wissen müssen, wenn wir es nur hätten wissen wollen. Wer Soldat im Osten war, dem konnten die Judenerschießungen, die Massengräber und beim Rückzug die ausgebuddelten und verbrannten Leichenberge nicht verborgen bleiben. Ich jedenfalls, ich habe gewusst, dass im Namen Deutschlands wehrlose Menschen vernichtet wurden, wie man Ungeziefer vernichtete. Und ohne Scham habe ich die Uniform eines Offiziers der deutschen Luftwaffe getragen. Ja, ich wusste es, und ich war zu feige, mich dagegen aufzulehnen.“

Nils Minkmar hat sich nun in einem langen und differenzierten Plädoyer, in dem er pro und contra sorgfältig gegeneinander abwog, dafür ausgesprochen, eine Journalistenschule und einen Journalistenpreis nicht mehr nach Henri Nannen zu benennen (SZ 21.6.22): „Ebenso falsch ist es …., einen Mann wie Henri Nannen, ein Deutscher seiner Zeit, zum Vorbild für heutige und künftige Journalistinnen und Journalisten zu küren. Dazu ist seine Geschichte zu kompliziert. Es lohnt sich sehr, sie zu studieren, davon zu lernen und dankend anzuerkennen, dass er viel für das Land und die Branche getan hat – aber die Journalistenschule und auch der Journalistenpreis  brauchen einen neuen Namen.“

3915: Kia Vahland über den Antisemitismus auf der Documenta

Dienstag, Juni 21st, 2022

Nun ist es ganz klar. Am Freitag wurde auf der Documenta ein offen antisemitisches Gemälde des indonesischen Künstlerkollektivs Tarik Padi angebracht. Mit wölfischen Reißzähnen, Schläfenlocken, Kippa und SS-Mütze.

Die Opfer des Holocaust werden zu Tätern gemacht.

Und ein Schwein mit Davidstern wird als „Mossad“ bezeichnet. Wie der israelische Auslandsgeheimdienst. Wie alt jenes Schandmotiv des Schweins ist, zeigt gerade die Debatte (einschließlich Bundesverfassungsgericht) über die Wittenberger „Judensau“.

Kia Vahland (SZ 21.6.22) schreibt dazu:

„Dieser Hass, diese Hetze von Kassel zerstören einen schönen Traum: dass die Kunstschau des Jahres eine Feier der Freiheit und der Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher Nationen werden könnte. Sehr viele der mehr als 1.500 Eingeladenen wollten und wollen genau das. Einige aber verbreiten lieber üble Ressentiments. Und andere verhindern ebendieses nicht: Weder das indonesische Kuratorenkollektiv Ruangrupa schritt ein noch die Geschäftsführerin oder jene Kulturfunktionäre, die das Werden der Ausstellung seit Monaten begleiten.

Es ist ein einziges Scheitern.

Worauf wartet Ruangrupa noch – wann erklären sich die Kuratoren und ihre Unterstützer, hören den nun zu Recht entsetzten Jüdinnen und Juden im Land zu und nehmen ihrerseits das gesamte Gemälde ab, anstatt nur Teile zu verhängen? Wollen sie jetzt wirklich abwarten, ob das andere verfügen, und dann ‚Zensur‘ schreien? Man kann es auch immer noch schlimmer machen.

Den Schaden tragen jetzt schon all jene Künstler, die um der Kunst und des Austausches willen nach Deutschland reisten und unbedingt Sehenswertes schufen. Für sie lohnt sich immer noch ein Besuch.“