Archive for the ‘Kunst’ Category

3750: Margarethe von Trotta hätte gern Rosa Luxemburg dabei.

Freitag, Februar 18th, 2022

Margarethe von Trotta erhielt 1981 für „Die bleierne Zeit“ in Venedig den Goldenen Löwen. In einem Interview mit Martina Knoben (SZ 17.2.22) reflektiert sie, die demnächst 80 wird, ihr Leben und Werk.

SZ: Sie haben sich dann zielsicher interessante junge Regisseure ausgesucht.

Trotta: Die haben mich ausgesucht! Volker Schlöndorff hatte mich in einem Film gesehen und wollte mich für „Baal“ haben. In „Baal“ spielte Fassbinder die Hauptrolle, so habe ich Fassbinder kennengelernt, der dann auch mit mir Filme machen wollte. Und dann kam irgendwann Herbert Achternbusch dazu.

SZ: War das ein Machoklub?

Trotta: Fassbinder war mit seinen Leuten ganz schön übergriffig, aber weder mit Hanna Schygulla noch mit mir. Er wusste schon, mit wem er es machen kann. Nach drei Filmen habe ich dann Volker Schlöndorff geheiratet, da mochte Fassbinder mit mir nicht mehr drehen. Er wollte, dass alle auf ihn konzentriert bleiben.

SZ: Wie mutig war es damals, hinter die Kamera zu gehen?

Trotta: Nachdem ich den Film „Das siebente Siegel“ von Ingmar Bergman gesehen hatte in Paris, wusste ich: ich will Regie führen. Aber ich habe das nicht laut gesagt, weil damals durfte eine Frau an so was gar nicht denken.

SZ: Als Sie dann den Goldenen Löwen bekommen haben, 1981 für „Die bleierne Zeit“, muss das sensationell gewesen sein.

Trotta: Es war sensationell. Peter Bogdanovitch, der damals in der Jury saß, hat mir erzählt, dass er es war, der dafür gesorgt hatte, dass ich den Preis bekomme. Die Italiener wollten, dass ich ihn mit einem Italiener ex aequo bekomme. Und Bogdanovitch hat wohl gesagt: Wenn sie nicht den Hauptpreis bekommt, verlasse ich die Jury.

SZ: Sie haben viele Frauen porträtiert. Wen hätten Sie gerne bei Ihrer Feier zum 80. Geburtstag dabei?

Trotta: Rosa Luxemburg. Vielleicht weil sie die erste historische Figur war, die ich porträtiert habe. Sie war mir auch am nächsten. Und weil es am schwierigsten war, zu ihr zu finden. Eigentlich wollte Fassbinder den Film machen. Er ist darüber gestorben. Sein Produzent hat mich angerufen und gesagt, jetzt musst du den Film machen.

3749: Heinrich Breloer über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Donnerstag, Februar 17th, 2022

Der vielfach für seine „Dokudramen“ („Todesspiel“ 1997, „Die Manns“ 2001, „Speer und er“ 2004, „Brecht“ 2019) ausgezeichnete Regisseur Heinrich Breloer wird 80. Im Interview mit Claudia Tieschky und Willi Winkler (SZ 16.2.22) spricht er u.a. über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

SZ: Vielleicht hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen Ihrer Generation die Sehnsucht nach Unterhaltung unterschätzt?

Breloer: Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen unterhalten wir uns über unsere Probleme. Und die Aufgabe besteht darin, das spannend und unterhaltsam zu machen. Man muss die Menschen zu sich hinführen, nicht von sich wegführen, wegträumen lassen. Ohne die Öffentlich-Rechtlichen ist die Demokratie gefährdet.

SZ: Und das öffentlich-rechtliche Fernsehen, ist das gefährdet?

Breloer: Ja, denn es gibt einen Faktor, um den kommst du nicht herum: die Zeit. Die Menschen haben am Tag alle nur 24 Stunden. Um diese Zeit kämpfen sie jetzt alle. Diese neuen Filme und Serien sind raffiniert gemacht, die binden dich, du schaust die durch – da ist kein Platz mehr für ein anderes Fernsehen. Netflix und Amazon machen Programm wie McDonalds, bisschen salzig, bisschen süß, alle nach einem Schema, und die Öffentlich-Rechtlichen machen es nach. Schon jetzt gibt es da viele Filme, wo jemand zum Beispiel mit einer Pistole in der Hand einen dunklen Flur entlanggeht, er macht ganz langsam eine Tür auf, und hinten im Bett vögeln zwei. Dann kommt Schnitt und die Einblendung „Vor vier Monaten“.

3747: Gerhard Richter 90

Montag, Februar 14th, 2022

Gerhard Richter ist der wohl bekannteste und vermutlich auch am besten verdienende bildende Künstler Deutschlands. Er wird 90 Jahre alt. Der gebürtige Dresdener ging 1961 in die BRD. Weltbekannt ist er wegen seiner „fotorealistischen Gemälde“ wie etwa „Tante Marianne“ oder „Onkel Rudi“. Seine Sujets sind also privat und infolgedessen hochpolitisch. Bei Richter gibt es Selbst- und Familienanalyse und dadurch Gesellschaftsanalyse.

Im Westen lebte und arbeitete Richter in Düsseldorf und Köln. Er lehrte an Kunsthochschulen und Universitäten. Was er vorher in der DDR gemacht hatte, sollte keine Rolle mehr spielen. Trotzdem hat ein Dresdener Galerist 2021 noch ein Auftrags-Wandbild von Richter in Görlitz entdeckt. Mit Henckel von Donnersmarks Film „Werk ohne Autor“, einem biografischen Werk über Richter, war dieser selbst gar nicht einverstanden. Das ist unvermeidlich. Jetzt gibt es eine Geburtstagsausstellung im Museum Ludwig in Köln. 1993 hatte Richter in der Bundeskunsthalle Bonn mit „Gerhard Richter Malerei 1963-1993“ seinen endgültigen Durchbruch gehabt. In Düsseldorf ist der „Birkenau“-Zyklus zu sehen, den Richter als Dauerleihgabe für die Hauptstadt Berlin vorgesehen hat. Sein Archiv geht nach Dresden (Peter Richter, SZ 9.2.22).

3732: Michael Degen resigniert.

Sonntag, Januar 30th, 2022

Der große Schauspieler Michael Degen wird neunzig Jahre alt. Sandra Kegel hat ihn für die FAZ (29.1.22) interviewt. Dabei zieht Degen eine resignierende Bilanz. Als 1932 geborener Jude hatte er den Zweiten Weltkrieg mit seiner Mutter in Verstecken in Berlin überlebt. Nach dem Krieg war er zwei Jahre in Israel.

FAZ: 1986 haben Neonazis ihre Wohnung verwüstet. Marcel Reich-Ranicki sprach in der Redaktion häufig davon, dass er zu Hause zwei Koffer bereitstehen habe, für alle Fälle. Leben Sie in Angst?

Degen: Nicht um mich. Ich habe Hitler überlebt und bin inzwischen ein sehr alter Mann, mir wird man nichts mehr tun. Aber ich habe Angst um die jungen Juden in Europa und in Deutschland, weil sie sich zunehmend brutalem und offenem Antisemitismus ausgesetzt sehen. Dass ich das, 77 Jahre nach dem barbarischsten Krieg der Menschheitsgeschichte, wieder sagen muss, hätte ich mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht ausmalen können.

FAZ: Als einer der beliebtesten Schauspieler in Deutschland – können Sie diese heftige Zuneigung überhaupt erwidern?

Degen: Nicht pauschal, aber mir sind im Laufe meines Lebens neben einigen Unbelehrbaren auch viele aufrichtige Menschen begegnet, die ich sehr schätze.

FAZ: Konnten Sie wieder Vertrauen fassen in dieses Land?

Degen: Auch nicht pauschal. Aber ich hatte und habe in einige Politiker Vertrauen wie in Willy Brandt, Richard von Weizsäcker, Walter Steinmeier, Angela Merkel.

FAZ: Konnten Sie dennoch glücklich werden?

Degen: Nein. Es gab und gibt glückliche Menschen in meinem Leben. Aber es gibt auch eine Frage, die wie eine dunkle Wolke über mir schwebt: Warum habe gerade ich überlebt? Ich habe daraus die Verpflichtung abgeleitet, die Erinnerung an die Schoa lebendig zu halten. Deshalb habe ich Rollen wie in „Kannibalen“, „Der Stellvertreter“, „Ghetto“ oder „Heldenplatz“ gespielt. Darum habe ich mit meinen Büchern und mit Interviews wie diesem immer wieder versucht, das Bewusstsein der Menschen für Antisemitismus und Rassismus zu schärfen und sie zum (Um-)denken und Einschreiten zu bewegen. Aber es hat nichts genützt. Das ist eine deprimierende Bilanz nach 90 Jahren Leben.

3724: Hardy Krüger ist gestorben.

Sonntag, Januar 23rd, 2022

Im Alter von 93 Jahren starb der deutsche Schauspieler und Schriftsteller Hardy Krüger in Palm Springs/Kalifornien. Er hat eine einmalige Karriere, auch im Ausland, gemacht. Als Angehöriger der Nazi-Elteschule (Napola) Sonthofen begann er damit 1944 in Alfred Weidenmanns Nazi-Propagandafilm „Junge Adler“ nach einem Drehbuch von Herbert Reinecker. In dem er neben Willy Fritsch und Dietmar Schönherr spielte. Er wurde noch zur Wehrmacht eingezogen, überlebte, desertierte. Seinen internationalen Durchbruch hatte er 1957 mit „Einer kam durch“ über den deutschen Offizier Franz von Werra, dem die Flucht aus einem Kriegsgefangenenlager im UK gelang. In der Folge arbeitete viel in Großbritannien und den USA. U.a. spielte er 1960 in Howard Hawks „Hatari“ neben John Wayne. Hardy Krüger kam immer wieder nach Deutschland zurück, wo seine KInder Schauspieler geworden sind. 1961 drehte er neben Loni von Friedl mit „Zwei unter Millionen“, einen Film, dessen Dreharbeiten während des Baus der Mauer in Berlin begannen. Sein ziemlich abenteuerliches Leben hat Krüger danach auch im Bücherschreiben ausgewertet (Susan Vahabzadeh, SZ 21.1.22).

3717: Bestseller 2021

Mittwoch, Januar 12th, 2022

Media Control gibt bekannt, dass 2021 in Deutschland 273 Millionen Bücher verkauft worden sind. Verteilt auf mehr als eine Million Titel. Nummer eins ist der Roman „Der Gesang der Flusskrebse“ der US-Autorin Delia Owens, der schon 2019 vorne lag. Inzwischen verkauft sich die Taschenbuchausgabe sehr gut. Auf Platz vier und Platz sieben Sebastian Fitzek mit „Playlist“ und „Der erste letzte Tag“. Julie Zeh mit „Über Menschen“ liegt auf Platz zwei (MASC, SZ 12.1.22).

3714: Peter Bogdanovitchs Filme werden im Himmel gespielt.

Sonntag, Januar 9th, 2022

Den Durchbruch schaffte er mit „The last Picture Show“ (1971): Peter Bogdanovitch, der im Alter von 82 Jahren gestorben ist. Der Sohn eines serbischen Vaters und einer österreichisch-jüdischen Mutter hatte bei Roger Corman, dem Meister des B-Pictures, gelernt. Ins Kino kamen die Teenager damals, weil sie dort die ersten Küsse und Berührungen austauschen konnten. Das Objekt der Begierde war Cybill Shepherd. In „Is was, Doc“ (1972) war es Barbara Streisand. „Aber es war die Aufgabe der Männer, den Mut und die Schönheit dieser Frauen zu inszenieren.“ (Claudius Seidl, FAZ 8.1.22) Wir sind heute noch schockiert von ihrer erotischen Risikobereitschaft.

Peter Bogdanovitch ging noch einen Schritt weiter. „Einer der Teenager hat endlich das Mädchen, das er so gern küssen möchte, zu einem Kino-Date überreden können. Doch als sie da im Dunkeln sitzen und sie sich ihm zuwendet und die große Knutscherei endlich losgehen könnte, ist er so gebannt von der flimmernden, glitzernden Leinwand, dass er sich lieber den Film weiter anschaut.“ (David Steinitz, SZ 8./9.1.22) An diese beiden Riesenhits konnte Bogdanovitch nie wieder anschließen, obwohl er die Inszenierungskunst eines Orson Welles, die narrative Ökonomie eines Howard Hawks un die emotionale Integrität eines John Ford studiert hatte. Er arbeitete wieder als Journalist. Für das Magazin der SZ hat er Kirk Douglas, Lauren Bacall, Jack Nicholson und Jerry Lewis interviewt.

3712: Klaus Wagenbach gestorben

Freitag, Januar 7th, 2022

Der linke Verleger Klaus Wagenbach ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Er hatte sich auch vergaloppiert. Etwa mit Ulrike Meinhof. Vor allem aber hatte er uns als junger Wissenschaftler erstmals Franz Kafka erschlossen, der heute immer noch vielen von uns ein Buch mit sieben Siegeln ist. Wagenbach hatte bei S. Fischer gelernt. Sein eigener Verlag wollte immer links, antiautoritär, gesamtdeutsch, genussfreundlich und lebensfroh sein. Er musste manche wirtschaftliche Krise überwinden. Dort erschienen Zeitschriften wie „Freibeuter“ und „Tintenfisch“. Bemerkenswert aber, welche Autoren von Wagenbach entdeckt oder gefördert wurden:

Paul Celan, Wolf Biermann, Michel Houellebecque.

Klaus Wagenbach ernannte sich voll Ironie stets zu „Kafkas dienstältester Witwe“. Auf dem Weg zur Princeton-Tagung der Gruppe 47 (mit Peter Handkes Azftritt) fuhr Wagenbach aus Flugangst mit dem Schiff. Er spielte Skat mnit Günter Grass (Helmut Böttiger, taz 21.12.21; Iris Radisch, Die Zeit 22.12.21).

3708: Eugen Ruge: Julian Assange nicht an die USA ausliefern !

Sonntag, Januar 2nd, 2022

Eugen Ruge ist vor allem durch seine beiden Erfolgs-Romane „In Zeiten abnehmenden Lichts“ (2011) und „Metropol“ (2019) hervorgetreten. Jetzt setzt er sich dafür ein, dass Julian Assange nicht an die USA ausgeliefert wird („Die Zeit“ 16.12.21). Ruge stellt fest, dass Assange seit Jahren durch Einzelhaft und Isolation gefoltert wird. Er hatte zahlreiche Kriegsverbrechen der USA nach 1945 aufgedeckt und partiell mit Videos belegt. Beispielsweise hatte er gezeigt, wie GIs irakische Zivilisten ermorden. In den USA drohen Assange ca. 120 Jahre Hadt.

„Was hier seit zehn Jahren passiert, ist eine widerwärtige Verhöhnung jener Werte, die die westliche, besonders natürlich die US-amerikanische Politik unaufhörlich in Anspruch nimmt, um ihre Invasionen und Sanktionen zu rechtfertigen.“

Die schwedische Justiz hatte sich bemüht, Assange der Vergewaltigung zu bezichtigen, um ihn so an die USA ausliefern zu können. „Nein, Assange ist kein Engel. Er hat Fehler gemacht. Er ist, hört man, kein sympathischer Typ. … Worum es hier geht, ist, dass statt des Verbrechers derjenige plattgemacht werden soll, der das Verbrechen offengelegt hat.“ „Trotzdem bitte ich diese neue Bundesregierung, auch im Namen vieler anderer, aber vor allem im Hinblick auf jene verbindlichen und verbindenden Werte, die unsere Verfassung bewahrt, der Auslieferung von Julian Assange ihr Möglichstes entgegenzusetzen.“

3707: Barenboim dirigiert Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker.

Samstag, Januar 1st, 2022

Daniel Barenboim ist seit 1992 Musikchef der Staatsoper Unter den Linden und ihrer Staatskapelle. In diesem Jahr wird der in Argentinien geborene und in Israel aufgewachsene Musiker 80 Jahre alt. Für Berlin und Deutschland ist er ein Glück. Dank seiner Musikalität, Weltoffenheit und seinem Einsatz für die Aussöhnung zwischen Juden und Palästinensern. Nach 2009 und 2014 dirigiert er in diesem Jahr zum dritten Mal das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Es wird in 90 Länder übertragen und erreicht 50 Millionen Zuhörer und Zuseher. (Reinhard J. Brembeck, SZ 31.12.21)