Archive for the ‘Innenpolitik’ Category

3507: Rettet uns die Wissenschaft ?

Montag, Juli 26th, 2021

Den stärksten Hang zu Vereinfachungen und Verschwörungstheorien haben in der Regel diejenigen, die sich auf dem Feld der Wissenschaft nicht allzu viel zutrauen. Sie fühlen sich zurückgesetzt. Und das sind sie in gewisser Hinsicht ja auch. Der Gipfelpunkt dieser Frustration wird an vielen Stammtischen deutlich in dem Satz: „So einfach ist das.“

Seit der Aufklärung ist die Geschichte der westlichen Zivilisation eine Geschichte der Entzauberung. Der alten Autoritäten wie Staat, Kirche, Familie usw. Schließlich aber auch der neuen wie Sport und Medien. Und letztlich auch der Wissenschaft. „Vollzogen hat sich diese Entwicklung in einer Art paradoxem Effekt. Je mehr sich in den Debatten die Vertreter von liberaler Vernunft und Vernünftigkeit auf die Wissenschaft beriefen, um so schwächer schien der Abwehrzauber (etwa gegen Vorurteile, W.S.) zu wirken.“ (Jens-Christian Rabe, SZ 19.7.21).

In der letzten Zeit hatten wir offen wissenschaftsfeindliche Regierungen in den USA, Polen und Ungarn mit „mittelgroßen Lügen“ (Timothy Snyder). Es muss ein Abwehrkampf gegen die Spinner der Welt geführt werden. Die Skepsis gegenüber der Wissenschaft produziert diese selbst. Man denke nur an die „am Fließband produzierten, mit ein paar Tricks zu statistischer Signifikanz aufgeblasenen Studien“. Es lassen sich auf diese Weise Ergebnisse gewinnen, die schlichter Bullshit sind. Der Hauptgrund dafür ist enorme Publikationsdruck in der Wissenschaft.

„Nicht gerade weniges, was zu einer Zeit als unumstößlich wahr gilt, kann später vollkommen anders beurteilt werden. Wer oder was etwa im medizinischen Sinne für ‚verrückt‘ gilt, ist im Laufe der Geschichte extrem unterschiedlich gewesen. Dieser Blick lehrt eine Demut, die im hitzigen unmittelbaren Kampf gegen Spinner eher kontraintuitiv ist.“ Experimentalwissenschaften sind gar nicht auf unzweifelhafte und im Zweifel leider triviale Gewissheiten aus, sondern vielmehr auf Neuheiten, die naturgemäß vage, unsicher und widersprüchlich sind. Die Frage also, ob die Wissenschaft als Anker unserer Ordnung taugt, können wir nur mit

ja und nein

beantworten.

„Wissenschaft allerdings auch als soziale Methode zu begreifen, um unter der Bedingung zunehmender weltanschaulicher Pluralität kontrolliert skeptisch die Erkundung der kleinsten gemeinsamen Wirklichkeit zu wagen, ist nötiger denn je. Vielleicht ist es sogar unsere letzte Hoffnung.“

3506: Berlin – heute

Sonntag, Juli 25th, 2021

Till Briegleb charakterisiert das gegenwärtige Berlin (SZ 24./25.7.21), hauptsächlich im Vergleich mit Paris und London:

„Die internationale Anziehungskraft der deutschen Hauptstadt, die in der neuen Dauerausstellung ‚Berlin Global‘ im Humboldt-Forum auf 4.000 Quadratmetern thematisiert wird, lässt sich zwar sicherlich nicht nur dadurch bemessen, wie eine vibrierende Kunstelite sie wahrnimmt. Aber dieser Indikator verweist doch auf einen sehr realen sozio-ökonomischen Hintergrund, der die Stadt in die besondere Lage versetzt, Ort für Lebensträume zu bleiben. Bis heute hat Berlin der wirklich brutalen, profitgetriebenen Gentrifizierung widerstanden, die Städte wie London und Paris so hemmungslos gefördert haben, dass ihre Kernstädte für normale Lohnempfänger und -empfängerinnen unerschwinglich geworden sind. Und das gilt um so mehr für eine finanzschwache Klientel, die auf das Urbane als Urgrund aller Kulturentwicklung angewiesen ist, die Künstlerinnen und Künstler.“

„Mit dem Ergebnis, dass trotz aller sichtbaren Veränderungen durch Immobilienspekulation in nahezu allen zentrumsnahen Stadtteilen weiterhin eine relativ gemischte kulturelle und soziale Bewohnerschaft anzutreffen ist.“

„Aber selbst in neuen Hipster-Vierteln wie Mitte oder Prenzlauer Berg zeigt sich ein halbwegs befriedigendes Bild von Durchschnittsbevölkerung auf der Straße wie man es in

Paris im Marais oder im Londoner Soho

längst nicht mehr antrifft, jedenfalls wenn man die Touristen abzieht. Und diese moderate Dynamik der Segregation, also der Trennung von Reich und Arm in Zentrum und Randlage, lässt sich auch in Zahlen belegen. Im Ranking des deutschen Reichtums liegt das Bundesland Berlin nur auf Platz elf. Und auch beim Vergleich der Kaufkraft ist die Hauptstadt weit abgeschlagen. Selbst die Essener können sich mehr erlauben als die Berliner.“

„Und Berlin bietet genug Attraktionen, die nahezu umsonst sind, um ein erfülltes Leben auch ohne SUV und Schränke voller Sneakers zu führen.“

„Von 25 auf 35 Prozent stieg in den vergangenen zehn Jahren der Anteil jener Berliner, die innerhalb der letzten drei Generationen aus anderen Nationen gekommen sind. Beim Zuzug nach Berlin handelt es sich bei drei Vierteln der Menschen um Ausländer, die wegen eines Jobs in die Stadt gekommen sind.“

„Und die Stadt ist reichlich groß und vielfältig genug, um den unterschiedlichsten Lebensentwürfen ein Milieu zu bieten, in dem sie sich zu Hause fühlen. Damit erfüllt diese skurrile Hauptstadt tatsächlich die unterschiedlichsten Träume ihrer Bewohner zwischen Rausch, Trägheit, Radau und Gier. Globaler geht es eigentlich nicht.“

3505: Der Niedergang der SPD

Samstag, Juli 24th, 2021

In einer Fehleranalyse bemühen sich Peter Fahrenholz und Mike Szymanski in der SZ (24./25.7.21) zu ergründen, warum es den Niedergang der SPD gibt, der bei ihnen eher eine „Selbstzerstörung“ ist. Ich kürze:

1. Seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 hatte die SPD 13 Vorsitzende.

2. Nach dem Desaster bei der Europawahl 2019, bei die SPD 15,8 Prozent bekam, trat Andrea Nahles vom Vorsitz zurück. Sie war zermürbt von den inneren Konflikten in der Partei und von der persönlichen Illoyalität.

3. Zum neuen Führungsduo Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken sagt der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte: „Die machen Minderheitenpolitik, das ist Oppositionsgebaren.“

4. Bei der demokratischen Linken in Europa haben sich klassische Wählermilieus aufgelöst. Sie werden übertönt von individuellen Werten. Und Globalisierung, Digitalisierung und Umweltschutz überzeugen sie nicht.

5. Modernisierungsbejahenden Milieus stehen Modernisierungsskeptiker gegenüber.

6. In einem Vortrag im Seminar von Karl-Rudolf Korte hat Andrea Nahles konstatiert, dass in den Augen vieler Wähler die Partei  „oft zu weit links bei kulturellen Fragen und zu wenig klar und zu wenig engagiert bei ökonomischen Fragen“ sei.

7. SPD-Funktionäre vertreten zu oft andere Positionen als SPD-Kernwähler.

8. Die SPD kümmert sich zu wenig um die politikfernen Wählerschichten.

9. Die SPD-Bundestagsfraktion macht konkrete Politik und hat mit vielen Diskussionen in der Partei (Gendering, LGBTTI etc.) wenig zu tun.

10. De facto ist die „Ehe für alle“ für die SPD nicht so wichtig wie der Mindestlohn und die Rente mit 63.

11. Erfolge, welche die SPD in der konkreten Politik durchaus erzielt, werden von ihr nicht genug herausgestellt.

12. Die SPD in Bayern könnte den Weg vorzeichnen, den die Partei bald bundesweit nehmen wird. 2013 holte sie mit Christian Ude noch 20,6 Prozent, fünf Jahre später stürzte sie auf 9,7 Prozent ab. Demnächst könnte sie Probleme mit der Fünf-Prozent-Klausel bekommen. In Sachsen-Anhalt bekam die SPD 2021 8,4 Prozent.

13. Christian Ude ironisch dazu: „Die großen sozialen Fragen sind, ob der Kolumbusplatz weiter so heißen darf und ob die Kinder noch Indianer spielen dürfen.“

14. „Gerade die unteren Einkommensschichten warten auf ein neues Aufstiegsversprechen und nicht auf ihre moralische Abkanzelung.“

15. Der Vorsitzende Sigmar Gabriel wusste 2017 von Anfang an, dass Martin Schulz für einen Erfolg der falsche Kandidat war.

16. Saskia Esken und die Jusos setzen auf ein Linksbündnis mit Grünen und der Linkspartei. Karl-Rudolf Korte: „Das ist völlig unrealistisch.“

17. Viele in der SPD halten eine Deutschland-Koalition aus Union, SPD und FDP für abwegig. „Nur wenn wir uns abschaffen wollen, machen wir so etwas.“

18. Falls Olaf Scholz bei der Bundestagswahl am 26. September nicht erfolgreich genug ist, hält sich Manuela Schwesig schon als neue Parteivorsitzende bereit (vorausgesetzt sie gewinnt die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern).

3504: Raquel Erdtmann: Für Juden gibt es kein freies, selbstbestimmtes Leben in Deutschland.

Freitag, Juli 23rd, 2021

Raquel Erdtmann legt in der „Welt“ vom 17.7.21 überzeugend dar, dass und warum es für Juden in Deutschland kein wirklich freies und selbstbestimmtes Leben gibt. Ich verkürze:

1. „Die deutschen Juden sind unverbesserliche Optimisten, sehen wach und genau, was passiert, und glauben dennoch an das Gute. Trotz jahrhundertelanger Erfahrung mit Pogromen, dem erzwungenen Leben im Getto, dem gelben Hut, den zu tragen im Mittelalter als gelber Stern in der Nazi-Zeit wiederkehrte, liebten sie dieses Land. Um zurück geliebt zu werden, gaben viele von ihnen im 19. Jahrhundert ihre Traditionen auf, erkauften sich Stellung und Ansehen mit Taufe und Assimilation.“

2. Aus den vielen Talenten, welche die Juden zum deutschen Leben beisteuerten (Wissenschaft, Recht, Handel, Sport, Politik etc.), entstand der Begriff der „deutsch-jüdischen Symbiose“.

3. In der Weimarer Republik, also nur in einem winzigen Zeitfenster in der langen deutsch-jüdischen Geschichte, wurden die Juden wirklich gleichberechtigt. Sie konnten im Staatsdienst zum Minister aufsteigen und in der Armee zum Offizier.

4. Am Ersten Weltkrieg hatten Juden in überdurchschnittlicher Zahl, proportional zu ihrer Bevölkerungszahl, freiwillig als Soldaten teilgenommen.

5. Sie errichteten ihren Toten statt der traditionellen schlichten Grabsteine pompöse Grabmäler nach christlichem Vorbild (so etwa in Berlin-Weißensee).

6. Wer zu Reichtum gekommen war, stiftete und förderte (bei Universitäten, Forschungseinrichtungen, Kunstsammlungen, Armenspeisungen, Fußballvereinen).

7. Heute reagieren viele Deutsche bei antisemitischen Anfeindungen mit Wegsehen und Beschweigen, aus Hilflosigkeit.

8. Als Israel 1948 gegründet wurde, verband sich für die überlebenden Juden in Europa damit die Hoffnung, nun einen sicheren Zufluchtsort zu haben.

9. Die Kinder der „Displace Persons“, die nach 1945 nicht schnell genug aus Deutschland weggekommen waren, wurden alsbald eingeschult.

10. Durch die Besetzung der Bühne gegen Rainer Werner Fasbinders Stück „Die Stadt, der Müll und der Tod“ 1977 zeigten Juden, dass sie da waren und bleiben wollten.

11. Angriffe, Bedrohungen, ein Niederreden in Hochschulen und Anschläge auf jüdische Einrichtungen gab es in den siebziger Jahren nur aus dem linksradikalen Milieu (SDS, K-Gruppen, DKP usw.).

12. Und in Israel war spätestens seit 1967 klar, dass sich der einst demütige Gettojude wehrte gegen seine Vernichtung. Mit Soldaten.

13. Konservative Deutsche entwickelten Sympathie für den kleinen, wehrhaften Judenstaat.

14. „Die Deutschen und das Militär, das war jahrhundertelang eine große Liebe, und niemand beschrieb das bis heute besser als der Dichter Heinrich Heine.“

15. In den von Jan Philipp Reemtsma organisierten und finanzierten Wehrmachtsausstellungen wurde vollends klar, dass die Wehrmacht keineswegs sauber gewesen war. Das hätte man auch schon früher wissen müssen.

16. „Heute brauchen echte Antisemiten sich nur den Mantel der legitimen Israelkritik umzuhängen und der Kunstbetrieb verteidigt sein Recht auf freie Meinungsäußerung. Die Mehrheit im Land stöhnt schon beim Wort Antisemitismus, es berührt und interessiert sie nicht.“

17. Martin Walser sprach bei der Entgegennahme des Friedenspreises des deutschen Buchhandels von dem „Mahnmal der Schande“ und der „Auschwitzkeule“. Und fast alle applaudierten.

18. Die Juden aus der Sowjetunion, die nach 1991 kamen, brachten wenig Frömmigkeit und das Bewusstsein mit, die Befreier der Deutschen vom Nationalsozialismus zu sein.

19. 2014 markierte den Bruch. Der 1979 von Ajatollah Khomeini ins Leben gerufene „Al-Quds-Tag“ etablierte sich nach den Raketenangriffen der Hamas auf Israel als Kampftag gegen die „israelische Besatzung“.

20. Üblich wurden Parolen wie „Kindermörder Israel“ und „Juden ins Gas“. Und vor den Einfamilienhäusern der Alt-68er stehen selbstgemalte Schilder mit „Free Palestine“ und „Free Gaza“.

21. Die Juden weltweit sehen Israel u.a. als Exit. „Oft mit schlechtem Gewissen, weil die Israelis diesen Zufluchtsort unter Einsatz ihres Lebens sichern, während man hier bequem vom Sofa aus die Nachrichten guckt.“

22. Verschwörungstheorien von der „jüdischen Weltherrschaft“ sind wieder in Mode.

23. In den anthroposophischen Bewegungen, die mit ihrem Antisemitismus den Protest gegen die Corona-Maßnahmen anführen, findet man heute leicht den Anschluss an die „Reinheit der Rasse“ und die „Gesunderhaltung des deutschen Volkskörpers“.

24. „Juden sind wieder die ‚anderen‘, die Fremden, eine Projektionsfläche für links und rechts, für Islamisten sowieso.“

Kommentar W.S.: Das ist die furchtbare und tragische Wahrheit.

3503: Parken wird teurer.

Freitag, Juli 23rd, 2021

Bisher zahlen Stadtbewohner in Deutschland 30,70 Euro im Jahr für einen Parkausweis. Der muss nun teurer werden. Tübingen und Freiburg wollen demnächst 360 Euro nehmen. Das geht nach der „Gebührenordnung für Maßnahmen im Straßenverkehr“. Knapp die Hälfte der deutschen Autobesitzer parkt im öffentlichen Raum. Die Zahl der Autos steigt, und sie werden immer größer, weil die Autoindustrie das den Kunden eingeredet hat. Meistens mit dem Argument der Sicherheit. Das ist zwar Schwachsinn. Aber die größten Steigerungen verzeichnen

Wohnmobile, SUVs und Geländewagen.

Schwerbehinderte und Menschen mit geringem Einkommen sollen Parkgebührennachlässe erhalten. Im Ausland ist Parken meistens teurer als in Deutschland: Marseille 160 Euro, Basel 284 Franken, Amsterdam 535 Euro. Aber auch in innerstädtischen Bezirken von Stuttgart müssen heute schon 400 Euro gezahlt werden (Claudia Henzler, SZ 20.7.21).

3501: Pandemie gefährdet das Kindeswohl.

Donnerstag, Juli 22nd, 2021

Das Statistische Bundesamt vermeldet bei 60.600 Kindern und Jugendlichen während der Pandemie eine Gefährdung des Kindeswohls. Neunzig Prozent mehr als 2019. Die Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbunds: „Wir haben das geahnt. Gerade in den Phasen der Schul- und Kitaschließungen, mit Homeschooling, Home-Office und teilweise beengten Wohnverhältnissen, war das Konfliktpersonal, das sich in Gewalt niederschlagen kann, groß.“ Manche negative Situation hatte sich verfestigt. Hauptsächlich geht es um Vernachlässigungen und seelische Misshandlungen. Körperliche Misshandlungen gab es in jedem vierten Fall, in fünf Prozent ging es um sexuelle Gewalt. Ein Drittel der gegebenen Hinweise erwies sich als unbegründet.

Die Kinderschutzkoordinatorin im Jugendamt Berlin-Mitte: „Kita und Schule sind häufig eine sehr große Entlastung für die Eltern, aber auch für die Kinder. … Es sind soziale Orte, an denen die Kinder gesehen werden. Und im Lockdown wurden sie eben auf einmal nicht gesehen.“ Belastend seien beengte Wohnverhältnisse. Die Familienhelferinnen hätten nicht nur telefonisch beraten, sondern etwa auch Spaziergänge mit den Familien unternommen. „Man sollte alles versuchen, dass Kinder in die Kita und Schule gehen können.“ (Henrike Rossbach, SZ 22.7.21)

3498: Kein Ehrengrab mehr für Oskar Loerke ?

Dienstag, Juli 20th, 2021

Der Berliner Senat befindet von Zeit zu Zeit über die Ehrengräber der Stadt. Frühestens fünf Jahre nach dem Tod und für zunächst zwanzig Jahre. Das zuständige Bezirksamt übernimmt dann die Kosten der Instandhaltung und Grabpflege. Wie im Juli 2021 im Fall des 1996 gestorbenen Rockmusikers Rio Reiser und des Filmkritikers Karsten Witte (1944-1995). Verlängert wurde u.a. das Ehrengrab für Bertolt Brecht.

Im Fall des Lyrikers Oskar Loerke (1884-1941) wurde das Ehrengrab nicht verlängert.

Das nimmt der Schriftsteller Lutz Seiler („Kruso“) zum Anlass für einen Brief an den Berliner Senat (SZ 20.7.21). Loerke werde der Ehre nicht für wert befunden, „da ein fortlebendes Andenken in der allgemeinen Öffentlichkeit nicht mehr erkennbar ist“. „Hier beginnt das Erschrecken: Wäre es eventuell möglich, mit dieser nicht näher spezifizierten Öffentlichkeit als Maß und im Grunde unwiderlegbarem Argument auch das Erinnern an die Geschichte der Dichtung und das Wirken ihrer Autoren insgesamt abzuschaffen? Bis auf Goethe vielleicht?“

Loerke wurde 1884 in Graudenz (Westpreußen) geboren und ging 1903 zum Studium nach Berlin. Das schloss er aber nicht ab und lebte als freier Schriftsteller. In 25 Jahren hatte er sieben umfangreiche Gedichtbücher vorgelegt. Er schrieb auch anderes und vor allem Tagebücher. Sie zeigen, was am Anfang des Nationalsozialismus „innere Emigration“ bedeutete. Mit 42 Jahren wird Loerke Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und zwei Jahre später Sekretär der „Sektion für Dichtkunst“. Bleibende Anerkennung erfährt Loerke von den Kollegen Günter Eich, Wilhelm Lehmann und Hermann Kasack. Vor allem aber von Paul Celan. In der ersten Ausgabe von Peter Huchels „Sinn und Form“ erschien 1949 ein Auszug von Loerkes Gedichten.

Nach der Machtergreifung der Nazis verlor Oskar Loerke seinen Sekretärsposten. Um eine Abmilderung bemüht, strebte er eine Verabschiedung aus gesundheitlichen Grünen an. Die Antwort: „Ärztliche Atteste? Die der Freunde, des Juden Plesch oder des Mitglieds Benn würden nicht genügen.“ Oskar Loerke blieb nichts anderes, als seine Abschau vor der „Gleichschaltung“ zu formulieren. Er sprach von „Schmach“, „Garaus“, „Ekel“ und von einer „Verzweiflung über das Teuflische“. „Ihr Herz ist Kot, verjaucht ihr Hirn,/Was hebt sich noch das Tagegestirn?“

Lutz Seiler: „Verehrte Bürgermeisterinnen und Bürgermeister von Berlin, verehrter Michael Müller! Obwohl nun auch ich mich zu jenen in der allgemeinen Öffentlichkeit nicht Erkennbaren zählen muss, noch dieses letzte öffentliche Wort: Für mich ist Loerkes Werk groß und wertvoll. Und ich bin nicht der einzige Schriftsteller, der auf diese Weise empfindet: Gern wäre ich bereit, Ihnen einen Überblick über die Loerke-Rezeption in der Gegenwartsliteratur zu skizzieren, um ihr Bildnis einer ‚allgemeinen Öffentlichkeit‘ ein wenig zu konkretisieren. Darüber hinaus bin ich sicher, dass es für Oskar Loerkes Bedeutung in der deutschen Literaturgeschichte nicht entscheidend ist, ob ihm von Ihnen die Ehre eines Ehrengrabs entzogen wird oder nicht – Ihrer Begründung dafür möchte ich hiermit widersprochen haben.“

 

3497: Münkler: Bei der Bundestagswahl entscheiden wirtschaftliche Fragen.

Dienstag, Juli 20th, 2021

Der sehr angesehene Politikwissenschaftler Herfried Münkler, 69, erwartet, dass bei der Bundestagswahl am 26. September wirtschaftliche Sachverhalte entscheiden. Die gegenwärtig noch vorherrschende ökologische Erneuerung trete dann in den Hintergrund. Das läge daran, dass die Wahlbürger ihre persönlichen Bedürfnisse zum Wahlthema machen würden.

Denkbar erscheinen Münkler entweder eine schwarz-grüne oder eine grün-rot-gelbe Koalition. Wobei die gegenwärtige Krise der Grünen eine Prognose erschwere. Dabei könnten die Grünen im Gegensatz zu früher immerhin die Koalitionsfrage entscheiden. Münkler sieht die USA und China als zentrale Führungsländer der Welt. Gefolgt von Russland wegen seiner Atomwaffen. An vierter Stelle folgt Europa vor Indien (Marc Beise, SZ 15.7.1).

3496: Pegasus späht uns aus.

Dienstag, Juli 20th, 2021

Die von dem israelischen Hersteller NSO entwickelte Spionagesoftware Pegasus ist hochfunktional und deswegen sehr gefährlich. Sie kann uns, ohne dass wir es bemerken, über unser Handy ausspähen in Bild und Ton. Und damit werden nicht nur Terroristen und Kriminelle überwacht, sondern auch Bürger. Vorzugsweise regierungskritische Journalisten in Staaten wie Ungarn. Dazu der EU-Justizkommissar Didier Reynders: „Wer die gleichen Werkzeuge wie zur Bekämpfung von Terroristen und organisierter Kriminalität zur Kontrolle von Zivilgesellschaft oder Journalisten einsetzt, handelt gegen die Werte der EU.“ So hat sich auch die EU-Kommissionspräsidentin, Ursula von der Leyen, zu Wort gemeldet. Der Sprecher des deutschen Bundesinnenministeriums wollte sich dazu nicht äußern.

Edward Snowden, der 2013 die Abhörtechniken des US-Geheimdinstes NSA aufgedeckt hatte, schrieb auf Twitter, dass die israelische Firma strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden müsse für die Tötungen und Verhaftungen derjenigen, die Ziel der Überwachungsversuche mit der NSO-Technik geworden seien (Matthias Kolb, Christoph Koopmann, Angelika Slavik, SZ 20.7.21).

3495: Jürgen Flimm 80

Montag, Juli 19th, 2021

Der in Köln aufgewachsene „Musensohn“ Jürgen Flimm, der 80 Jahre alt wird, hatte dort Soziologie, Theater- und Literaturwissenschaft studiert und an einer kleinen Schauspielschule seine Schauspielprüfung absolviert. 1978 wagte er in Frankfurt eine Operninszenierung. 1979 wurde er Intendant in Köln und leitete von 1985 bis 2000 das Thaliatheater in Hamburg. Dem bescherte er sensationell hohe Auslastungen und etablierte es durch einen intelligenten Spielplan und ein großartiges Ensemble als intellektuelles Zentrum der Stadt.

Jürgen Flimm hatte viele Probleme, die andere hatten, gar nicht. Er profitierte von seiner Ausgeglichenheit und seiner „rheinischen Frohnatur“. 2000 brachte er Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth heraus. Ab 2001 war er erst Schauspieldirektor, dann Intendant der Salzburger Festspiele. Er ist „ein hoch kompetenter, bestens vernetzter, alles gebender Liebhaber der schönen Künste freilich immer geblieben, was man auch daran sah, mit welchem Elan er sich seit 2010 seinem Amt als Intendant der Berliner Staatsoper widmete“ (Irene Bazinger, FAZ 17.7.21).