Archive for the ‘Geschichte’ Category

3987: „Die Dreyfus-Affäre. Wahrheiten und Legenden“

Montag, August 15th, 2022

Die Dreyfus-Affäre (1894-2006) liegt lange zurück. Dass sie aber topaktuell ist und von großem Belang, zeigt uns der französische Literaturwissenschaftler Alain Pagès in seinem 2019 erschienenen Band

Die Dreyfus-Affäre. Wahrheiten und Legenden. Aus dem Französischen von Fabian Scharf. Stuttgart (Kohlhammer) 2022, 210 Seiten.

Der deutsche Emil Zola-Experte Scharf übersetzt das Buch leicht, flüssig, verständlich und passend. So bekommen auch wir einen Einblick in das seinerzeitige, hochkomplexe und sehr wichtige Geschehen. Der Hauptmann Alfred Dreyfus (1859-1935) wurde fälschlich des Verrats an Deutschland bezichtigt und in drei Prozessen zunächst verurteilt, degradiert und auf die Teufelsinsel verbannt. Bevor er durch den gezielten und nicht ungefährlichen Einsatz von „Intellektuellen“ wie Emile Zola und Anatole France schließlich 2006 seine Begnadigung durch den Staatspräsidenten erreichte und später vollständig rehabilitiert wurde. Es war ein sehr langer Weg. Erst seit der Dreyfus-Affäre sind wir uns ganz des Werts ein er freien Presse und der öffentlichen Meinung sicher. Wenn auch noch nicht alle. Und der Antisemitismus ist heute wie gestern die größte innere Bedrohung der westlichen Demokratie.

Alain Pagès ist ein sehr angesehener französischer Litereaturwissenschaftler, der sein Thema in 27 Kapitel klar gliedert. Deren Überschriften sind aussagekräftig: „Wurde Alfred Dreyfus von einen ‚jüdischen Syndikat‘ verteidigt?“, „Hat Kaiser Wilhelm II. den ‚Bordereau‘ mit Anmerkungen versehen?“, „Welche Rolle haben die Tageszeitungen in der Dreyfus-Affäre gespielt?“, „Hat sich die Literatur für die Dreyfus-Affäre interessiert?“, „Gibt es in der Dreyfus-Affäre noch ungelöste Rätsel?“, „Musste Zola für sein Engagement sterben?“. Alle diese Fragen werden, soweit es möglich ist, vollständig beantwortet. Wir lernen etwas aus diesem Buch. Es enthält zudem eine klar gegliederte umfassende Bibliographie, Hinweise auf literarische Adaptionen und Filme zum Thema. Pagès wertet umfassend die Quellen aus, auch aktuelle und solche aus dem 21. Jahrhundert. Das macht überhaupt erst die Relevanz des Themas vollständig klar. Emile Zolas Statement: „Die Wahrheit ist auf dem Vormarsch und nichts kann sie aufhalten.“ würden wir zu gerne als unser Motto akzeptieren, wenn es da nicht schwerwiegende Gegenargumente gäbe. Alain Pagès geht auch mit den „Dreyfusards“ nicht unkritisch um.

Es gab drei Gerichtsverfahren (1884-86, 1997-1910, 1900-1906), die zunächst von Fälschungen und übler Nachrede, nicht zuletzt antisemitischer, bestimmt waren. Frankreich war ein maroder Staat. Obwohl der tatsächlich Schuldige (Esterhazy) bekannt war, taten die Verantwortlichen alles, um das unter den Tisch zu kehren. Weithin bestimmte krasser Nationalismus die Denkweise. Durch das umfänglichre bizarre Geschehen mit riesigen Aktenbergen kam es zu denkwürdigem Geschehen wie Liebesaffären und Selbstmorden. Bis in die Spitze des Staates. Beweise gegen Dreyfus gab es keine. Es gab rassistische, antisemitische Vorurteile. Graphologen wurden zum Betrug herangezogen. Etc. „Die Wirklichkeit übergtrifft die Parodie.“ Karikaturen und Zeichnungen wurden zur Denunziation verwendet. Das Ganze wirkte wie ein Fortsetzungsroman.

Erst als schließlich „Intellektuelle“ wie Emile Zola über die Lügen und Täuschungen empört waren und dagegen vorgingen, kam es allmählich zu einem Umschwung in der öffentlichen Meinung bei den beiden französischen Lagern. Beteiligt waren daran in unterschiedlichen Formen Anatole France, Charles Peguy, Marcel Proust, Bernard Lazare, Jean Jaurès, Julien Benda, Léon Blum et alii. Zentral war Zolas Aufsatz „J’accuse“ in „L’Aurore“ am 3. Januar 1898. Er hat auch viele andere Aufsätze im Zusammenhang damit geschrieben. Petitionen  wurden auf den Weg gebracht. Offene Briefe geschrieben. Frauen schalteten sich öffentlich ein. Mit den plumpen Lügenmärchen und Verschwörungsgeschichten nahm es ab. Viele Menschen verloren die Scheu, ihre Anonymität aufzugeben. Tageszeitungen erkannten ihr Geschäft. Für Alfred Dreyfus wurde sogar Bewunderung geäußert. „Die beachtliche Arbeit des Kassationsgerichtshofs hat die Absurdität der Anschuldigungen gegen Alfred Dreyfus aufgezeigt, indem sie alle im Laufe der Jahre entstandenen Legenden entkräftet hat.“ (S. 138)

Emile Zola wurde selbst noch vor Gericht gestellt und fatalerweise verurteilt. Nachdem alle Rechtsmittel ausgeschöpft waren, blieb ihm nichts anderes als das Exil in London (er kam zurück). Während seines Prozesses wurde auf ihn geschossen und er wurde verletzt (die sogenannte vierte Dreyfus-Affäre). Und die französische Rechte hielt an ihrer Ablehnung Dreyfus‘ fest. Das zeigt sich u.a. daran, dass einer ihrer Vertreter, Charles Maurras 1945, als er wegen seiner Beteiligung am Vichy-Regime zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, ausrief: „Das ist die Rache von Dreyfus.“ Es lassen sich von der Dreyfus-Affäre klare Parallelen ins 18. Jahrhundert ziehen, zur Calas-Affäre, worin Voltaire (1694-1778) eine ähnliche Rolle spielte wie Emile Zola später. Alain Pagès gibt uns einen Überblick über die Behandlung der Dreyfus-Affäre in der Literatur (S. 156 ff.). Und im Film, wo hier die Proktionen von Georges Méliès (1899), William Dieterle (1937) und Roman Polanski (2019) genannt seien. Dabei setzt sich Polanski, der ja aus anderen Gründen umstritten ist, gerade mit der Gewalt in der französischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts auseinander.

Letztlich gibt es in der Dreyfus-Affäre keine ungelösten Rätsel mehr, sagt Pagès. Vielleicht abgesehen von der Frage, ob Emile Zolas Tod 1902 natürlich war oder nicht. Denn 1928 bekannte ein Schornsteinfeger, dass er 1902 vom Nachbarhaus aus Zolas Kamin gezielt „verstopft“ hätte, was aber erst 1953 rauskam. Julien Benda (der Autor von „La trahison des clercs“, 1926) sagt: „Die Dreyfus-Affäre spielte eine entscheidende Rolle in der Geschichte meines Geistes durch die Schärfe, mit der sie mir blitzartig die Hierarchie der Werte, die den Kern meines Wesens ausmacht, und meinen organischen Hass auf das gegnerische System vor Augen führte. Durch sie lernte ich mich als absoluten Rationalisten kennen, das heißt als jemanden, der sich in einem Konflikt zwischen den Interessen der Vernunft und denen des Sozialen oder Nationalen leidenschaftlich und ohne das geringste Zögern für die ersteren entscheidet.“ (S. 191) Charles Peguy fasst zusammen: „Je länger die Affäre beendet ist, desto offensichtlicher wird die Tatsache, dass sie niemals zu Ende geht.“ (S. 193)

(Monty, 15.8.22)

3986: Die Gesellschaftsstruktur in Deutschland verändert sich.

Sonntag, August 14th, 2022

1. Seit der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 verändert sich die Gesellschaftsstruktur stark.

2. Wir haben mehr Singles, weniger Familien, mehr Teilzeit, weniger Arbeitskräfte.

3. 1991 waren die Bürger im Schnitt 39 Jahre alt, heute 45.

4. Vor dreißig Jahren waren 15 Prozent der Einwohner über 64 Jahre alt, heute 22 Prozent.

5. Deutschland wäre heute noch mehr eine Seniorenrepublik, wenn nicht so viele Menschen zugewandert wären. Wir brauchen die Zuwanderer. Jährlich etwa 400.000.

6. Jeder vierte Bürger hat einen Migrationshintergrund.

7. Von 60 bis 65 arbeiten heute 57 Prozent der Frauen und 66 Prozent der Männer.

8. Viele Frauen arbeiten in Teilzeit.

9. Kaum ein Industriestaat nimmt Zweitverdienerinnen so viel Steuern ab wie Deutschland.

10. Für den Erfolg der Gesellschaft ist eine gelingende Integration zentral. Zum Beispiel das Lernen der deutschen Sprache.

11. Es leben viel mehr Paare ohne Trauschein zusammen.

12. Vielfach werden unsere jungen Leute als „Generation beziehungsunfähig“ bezeichnet.

13. Nur noch jeder dritte Bürger lebt heute in einer Familie mit Kindern zusammen.

14. Die Gründe für die zunehmende Kinderlosigkeit sind wenig erforscht.

15. Nach dem Krieg standen pro Rentner sechs Arbeitnehmer zur Verfügung, jetzt nur noch zwei.

16. In manchen Städten hat sich die Zahl der Toten verdoppelt. Um deren Bestattung kümmert sich weithin der Staat, weil keine Angehörige vorhanden sind.

17. Jeder fünfte Dreißigjährige hat keinen beruflichen Abschluss.

18. 40-jährige Frauen haben heute häufiger Abitur (48 Prozent) und ein Hochschuldiplom (28 Prozent) als gleichaltrige Männer.

19. Die Industrialisierung, die vor 200 Jahren begonnen hat, brachte mehr Wohlstand für Arbeiter, auch mehr davon als davor als Bauern.

20. Wir sind eine Dienstleistungsgesellschaft (teilweise mit einer miserablen Qualität). 80 Prozent der Frauen sind Angestellte und mehr als 60 Prozent der Männer.

(Alexander Hagelüken, SZ 13./14./15.8.22)

3985: Taiwan-Berichterstattung

Sonntag, August 14th, 2022

Der deutsche Schriftsteller Stephan Thomas stand mehrmals auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Er lebt in Taipeh (Taiwan). Er schreibt über die einschlägige deutsche Berichterstattung (SZ 13./14./15.8.22):

„Gibt es eine Lehre, die sich aus der Erfahrung der vergangenen Woche ziehen lässt? Ja. Von Ausnahmen abgesehen zeigt sich in der deutschen Medienlandschaft insgesamt derselbe Mangel an China-Kompetenz, der die Gesellschaft als ganze plagt. Das mag damit zu tun haben, dass die Sinologie in Deutschland eher als Orchideenfach gilt, während der Asiuen-Bezug in anderen Studienfächern, gerade in den Geiszteswissenschaften, immer noch zu kurz kommt. Darunter leidet die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit einer Region, deren Dynamik unsere Gegenwart maßgeblich mitbestimmt.

Wir hören, was sie sagen – aber wir verstehen nicht, was sie meinen.“

3983: Mordanschlag auf Salman Rushdie

Samstag, August 13th, 2022

1988 erschienen Salman Rushdies „Satanische Verse“. Daraufhin ordnete der Ayatollah Chomeini eine Fatwa an, nach der Rushdie ermordet werden sollte. Jetzt wurde in Chautauqua im US-Bundesstaat New York auf einer Bühne ein Mordanschlag auf Rushdie von einem 24-Jährigen verübt. Der Schriftsteller wurde in den Hals gestochen. Er soll eine Auge verloren haben, seine Leber ist beschädigt, und er wird in einer Klinik künstlich beatmet. Der Täter ist festgenommen worden (SZ 13./14./15.8.22).

3982: Hinterbliebene des Olympia-Attentats sagen ab.

Freitag, August 12th, 2022

Aus Verärgerung über das Verhalten der deutschen Seite wollen etwa zwei Dutzend israelische Hinterbliebene der Opfer des Olympia-Attentats von 1972 nicht zum Gedenken nach Fürstenfeldbruck kommen. Es geht um die Entschädigung. Die Sprecherin der Hinterbliebenen, Ankie Spitzer, hat mehrfach von einem „Trinkgeld“ gesprochen, mit dem die Hinterbliebenen abgespeist werden sollten. Das Ganze ist völlig unwürdig.

Inzwischen scheint es unklar, ob der israelische Staatspräsident Isaac Herzog angesichts der Absage der Hinterbliebenen noch kommen kann. Er hat prinzipiell sehr gute Beziehungen zu Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Eine Aufarbeitung des Olympia-Attentats am 5. und 6. September 1972 hat immer noch nicht stattgefunden. Die Ampel-Regierung will einen Historiker-Kommission einsetzen. Die deutsche Verantwortung für das damalige Desaster steht völlig außer Frage. Der Bund, das Land Bayern und die Stdt München haben nochmals 5,4 Millionen Euro für Entschädigungen bereitgestellt. Das genügt anscheinend nicht. Die Bundesrepublik und Israel verhandeln noch (Daniel Brössler, Roman Deininger, Paul-Anton Krüger, Georg Mascolo, Uwe Ritzer, SZ 12.8.22).

3972: Muss Deutschland seine Sonderrolle in der Außenpolitik aufgeben ?

Donnerstag, August 4th, 2022

Wieder einmal melden sich Hedwig Richter und Bernd Ulrich (Die Zeit 4.8.22) mit einem grundsätzlichen Beitrag zur deutschen Geschichtsbetrachtung zu Wort. Sie gelten als konservativ. Aber was, wenn sie Argumente nur anders als andere so gewichten, dass sie die Historiograhie besser machen? Anlass ist hauptsächlich der russische Vernichtungskrieg gegen die Ukraine. Es ist leicht zu verstehen, dass unser Verhältnis zu Russland und zur Ukraine angesichts von 24 Millionen Kriegstoten im Zweiten Weltkrieg dort ein besonderes ist. Bei Licht betrachtet ist der deutsche Angriff auf Polen 1939 nur ein Produkt des Hitler-Stalin-Pakts, der verbrecherischen Aufteilung Polens unter beiden Besatzerstaaten.

Die daraus abgeleitete deutsche Sonderrolle in der internationalen Politik kam und kommt zum Ausdruck darin, dass wir weniger als andere an internationalen Militäreinsätzen beteiligt waren. Wir haben das billige Gas sozusagen als Kompensation für die Kriegslasten gesehen. In Deutschland haben viele ein zwiespältiges Verhältnis zur Staatsmacht. Bei Volkszählungen, gegen Steuern, gegen die Bundeswehr, gegen ein Tempolimit, gegen Windräder, im Misstrauen gegen Anti-Corona-Maßnahmen, etc.

Seit Ende des kalten Krieges war gar nicht mehr die Sowjetunion unser Hautgegner, sondern kleinere Staaten wie Serbien u.a. Wir tun uns nach wie vor damit schwer, Waffen in Kriegsgebiete zu liefern. Der ukrainische Präsident Selenskyi im Deutschen Bundestag: „Ich wende mich an Sie im Namen aller, die hörten, wie Politiker jedes Jahr beteuern: ‚Nie wieder!‘ Und die gesehen haben, dass diese Worte nichts wert sind. Denn abermals versucht man in Europa, ein ganzes Volk zu vernichten.“ In Deutschland verstehen wir häufig: „Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft.“ Wie die deutsche Erinnerungspolitik eingesetzt wird, ist eine ziemliche Heuchelei. Das muss sich ändern!

3959: Neue antisemitische Stücke auf der Documenta

Donnerstag, Juli 28th, 2022

Auf der Documenta sind neue antisemitische Bilder aufgetaucht. „Ein Bild zeigt einen roboterartigen Soldaten mit Davidstern auf dem Helm, der einen erschrockenen Jungen an den Kopf greift. Im Hintergrund sind Arme und Beine erkennbar, die schlaff aus dem Boden ragen – wohl ein Massengrab. Auf einem anderen Bild nimmt eine Frau einem Soldaten mit Hakennase und einem Davidstern auf dem Helm ihr Knie in den Bauch.“ (Jörg Häntzschel, SZ 28.7.22) Die „Kunstwerke“ stammen von einer algerischen Gruppe aus dem Jahr 1988. Geschäftsführer Alexander Fahrenholz teilte mit, dass eine Frau schon vor drei Wochen auf die Stücke aufmerksam gemacht habe. Behörden und Documenta-Leitung seien aber zu dem Schluss gekommen, dass „es nicht um die Diffamierung von jüdischen oder vermeintlich jüdischen Personen geht“. Deswegen liegen die Stücke im Fridercianum weiter öffentlich aus. Leider sei die Besucherin, die darauf aufmerksam gemacht habe, nicht informiert worden. Fahrenholz: „Was ich in den Bildern gesehen habe, waren nur die israelischen Soldaten, die möglichst unsympathische Darstellung von militärischer Gewalt gegen die, an deren Seite sich die algerischen zeichner fühlten.“ Nun soll es einen erklärenden Text zu dem Vorgang geben. Die Serie „Guernica Gaza“ und die Pro-Palästina-Filme von Subversive Film sind beide noch auf der Documenta zu sehen.

3955: Mythos Lohn-Preis-Spirale

Samstag, Juli 23rd, 2022

Die Legende von der Lohn-Preis-Spirale geht wieder um. Gedroht wird mit der Stagflation (hohe Inflation bei gleichzeitig geringem Wachstum). Aber eine Lohn-Preis-Spitale kann nur unter zwei Bedingungen entstehen: 1. Wenn Arbeitnehmer und Gewerkschaften die Preise diktieren können, und 2. wenn sie sich bei ihren Lohnforderungen nicht an der realistischen Inflationsrate orientieren. Das ist in der Vergangenheit praktisch kaum vorgekommen. Und in der Gegenwart ist damit nicht zu rechnen. Die Kaufkraft wird bei einer Lohnerhöhung von 4 bis 5 Prozent und einer Inflationsrate von 7 Prozent sinken. Dabei fahren einige große Unternehmen hohe Gewinne ein und schütten entsprechende Dividenden aus. Der Anstieg der Lohnstückkosten ist eher moderat.

Die Macht der Gewerkschaften ist in der letzten Zeit erkennbar gesunken. Weniger als die Hälfte der Beschäftigten ist heute über Tarifverträge abgedeckt. Und je stärker die Kaufkraft schrumpft, desto höher ist in der Regel der Schaden für die Wirtschaft. Insofern ist es generell am besten, wenn es Arbeitgebern und Gewerkschaften gelingt, sich zu verständigen. Unternehmerischer Erfolg und hohe Löhne gehören zusammen. Deutschland hat bisher von der hohen Produktivität und der Qualität seiner Produkte profitiert. Ohnehin sollten die Kosten von Pandemie, Krieg und Inflation von den stärksten Schultern getragen werden (Marcel Fratzscher, taz 12.7.22).

3951: Die Interessen der Palästinenser werden missachtet.

Dienstag, Juli 19th, 2022

1. 1948 erreichten die Juden mit ihrem militärischen Sieg in Palästina die Voraussetzung für ihre Staatsgründung. Die Palästinenser erlebten die Nakba, ihre Katastrophe.

2. Israel sah sich als Nation der Opfer. Jeder Dritte war Holocaust-Überlebender.

3. Insofern zahlen die Palästinenser seit über siebzig Jahren den Preis für den deutschen Holocaust.

4. In der deutschen Erinnerungskultur kommt die Nakba bisher kaum vor.

5. Der Holocaust ist die alle anderen Faktoren überschattende Ursache der israelischen Staatsgründung.

6. Inzwischen hat Israel mehr als 500 palästinensische Dörfer unbewohnbar gemacht.

7. Der deutsche Völkermord hat für die meisten Israelis im Hinblick auf Schutz und Identifikation eine Bedeutung, die der Zionismus vorher nicht hervorgebracht hatte.

8. Die Palästinenser stehen letzten Endes mit leeren Händen da.

9. Um so beschämender ist es, dass jüngst in Berlin sämtliche Veranstaltungen zum Jahrestag der Nakba vorab verboten wurden.

(Charlotte Wiedemann, taz 13.7.22)

3950: Alexander Fahrenholtz ist neuer Documenta-Geschäftsführer.

Dienstag, Juli 19th, 2022

Alexander Fahrenholtz ist am Montag zum neuen Documenta-Geschäftsführer bestimmt worden. Die Gesellschafter seien froh, einen so erfahrenen und renommierten Kulturmanager gefunden zu haben, hieß es. Er werde seine Aufgabe bereits am 19.7.2022 übernehmen. Sein Vertrag sei bis zum 30.9. befristet. Fahrenholtz war an der Realisierung der Documenta 9 beteiligt und Verwaltungsdirektor der Kulturstiftung des Bundes. Der Bund soll wieder in den Aufsichtsrat der Documenta einziehen (SZ 19.7.22).