3395: Humberto Maturana ist gestorben.

Im Alter von 92 Jahren ist in Santiago de Chile der Biologe und Philosoph Humberto Maturana gestorben. Als Erfinder des

„Konzepts der Autopoeisis“

ist er in den Wissenschaften und insbesondere in der Wissenschaftstheorie („Biologie der Kognition“ 1970) sehr wichtig. Seine Bedeutung geht weit über die Naturwissenschaften hinaus. Er hat den

Konstruktivismus

mit geschaffen und damit einen zentralen Beitrag zum Verständnis von Informationen, Nachrichten, Berichterstattung, zum Verständnis der Welt geliefert (die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien). 2021 wichtiger als je zuvor.

Seit 1948 hatte Maturana Medizin studiert. Ging 1956 zum Promotionsstipendium nach Harvard, wo er sich mit der Anatomie und dem Sehvermögen von Fröschen befasste. Unter anderem fand er heraus, dass der Frosch nach Eingriffen in sein Nervensystem beim Versuch, eine Fliege zu fangen, seine Zunge hartnäckig in eine Richtung warf, während die Fliege in der anderen zu finden war. Nicht die Fliege also koordinierte die Wahrnehmungen des Frosches, sondern sein Gehirn kordinierte seine Wahrnehmungen und Bewegungen. Der Frosch brachte seine Welt selbst hervor (Selbsterzeugung).

In der Kommunikationswissenschaft bedeutete das eine starke Erschütterung des Glaubens an die Objektivität, die Trennung von Nachricht und Meinung, nach der heute immer noch verfahren wird. Alles, was gesagt wird, wird von jemand gesagt. Wie Heinz von Foerster sagt: Die Anrufung der Objektivität ist gleichbedeutend mit der Abschaffung der Verantwortlichkeit. Darin liegt ihre Popularität begründet. Wie Humberto Maturana gemeinsam mit Francisco Varela („Der Baum der Erkenntnis“ 1984) herausarbeitete, ist es der Beobachter, der von seinem distanzierten Standpunkt aus Korrelationen herstellt. Konstruktionen von Wirklichkeit sind insofern indifferent gegen Fakten. Nichts, was sich beschreiben lässt, ist unabhängig von uns. Die Welt erscheint uns so, wie wir sie sehen wollen.

Wir befinden uns also in einem Dilemma: Auf der einen Seite droht die Gefahr, dass wir objektive Phänomene nicht wahrnehmen können, da es keinen Mechanismus gibt, der solch eine Information möglich macht. Andererseits sind wir von Willkür und Chaos bedroht, von einer Nicht-Objektivität, in der alles beliebig und möglich erscheint. Wir müssen lernen, auf der Mittellinie zu wandern, einmal das Extrem des Objektivismus zu vermeiden und andererseits das Extrem des Idealismus (Subjektivismus). Unsere Sprache (als Resultat liebevoller Kommunikation und nicht als Mittel des Kampfes) ermöglicht uns Problembewusstsein und Selbstreflexion. Nicht zuletzt das hat uns Humberto Maturana erschlossen und gezeigt.

Und viele Wissenschaftsfeinde, Propagandisten, Querdenker, Esoteriker und Nazis haben das noch nicht verstanden und wollen es nicht wahrhaben.

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